Gesellschaftlicher Druck

Seit zwei Monaten lebe und arbeite ich bereits im südöstlichen Teil Lettlands (in der Nähe Weißrusslands und Russlands),  in einer Stadt, die zum größten Teil russischsprachig ist. Neben der überaus interessanten Sprachsituation, auf die ich in einem anderen Post bald eingehen werde, ist mir eine Sache besonders aufgefallen: Der gesellschaftliche Druck auf junge Menschen, möglichst schnell und früh eine eigene Familie zu gründen. Mit Anfang Zwanzig heiraten und ein Kind bekommen, ist hier keine Seltenheit. Kaum ein Tag verging in den ersten zwei Wochen meines Aufenthaltes, an dem ich nicht an einer Hochzeitsgesellschaft vorbeikam und das Brautpaar auf Anfang Zwanzig schätzte. Und meine Kursteilnehmer_innen (ich gebe unter anderem Deutsch- und Englischunterricht an Rentner_innen) fragten mich direkt in der ersten gemeinsamen Stunde, ob ich schon eine eigene Familie hätte. Fragen nach dem eigenen Beziehungsstatus sind auch in Deutschland sehr üblich. Insbesondere Großeltern stellen schon mal ganz gerne die Frage, ob mensch denn jetzt mittlerweile einen Freund oder eine Freundin hat, und seltsame Verkuppelungsversuche seitens Freund_e_innen oder Kolleg_en_innen sind auch keine Seltenheit im westlichen Europa. Aber dass mensch mich, eine 22-jährige Studentin bzw. moment Freiwillige, fragt, ob ich schon eine eigene Familie hätte, erstaunte mich dann doch sehr. Zumal in Deutschland eher negative Vorstellungen mit jungen Eltern verbunden werden. Wer hier wie ich 22 Jahre alt ist und keine_n Freund_in hat, dem wird schnell Mitleid – vor allem das der älteren Bevölkerung – zuteil. Die Mitbewohnerin einer anderen Freiwillige (23 Jahre alt) versuchte diese sogar mit jungen, englischsprachigen Männern zu verkuppeln, was dann schon mal zu peinlichen Zusammentreffen bei sich im Wohnzimmer führte, bei einem dieser sogar mal der Vater des jungen Mannes anwesend war 🙂

Manchmal muss mensch ins Ausland gehen, um zu verstehen, wie gut er_sie es in manchen Punkten in seinem_ihrem Heimatland hat. Ich bin zwar der Meinung, dass Singles in Deutschland – und eigenlich auf der ganzen Welt – schikaniert werden (eine Einzelperson zahlt für ein Hotelzimmer mehr als zwei Personen, in der Werbung werden uns zig Dating-Plattformen um die Ohren gepfeffert, wenige Filme zeigen glückliche Singles, kaum ein Song verzichtet auf das Thema „Liebe“ etc.), aber ich  wurde noch nie so häufig von Leuten persönlich über meinen Beziehungsstatus abgefragt wie hier.

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Über tschellufjek

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10 Antworten zu Gesellschaftlicher Druck

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    Ohhh ja. Ich hatte ja in Usbekistan nicht so viel Gelegenheit, mit Frauen zu sprechen, aber dreißig und kein Mann und keine Kinder gab so eine Reaktion: o_O (= Das geht?) Einer Mitreisenden von knapp fünfzig wurde denn auch von einer Horde Großmütter mitgeteilt, dass frau ohne Enkel ja gar nicht glücklich alt werden kann. War schon eine Umgewöhnung, dass es Leute gibt, die tatsächlich über nichts anderes reden können als über ihren Nachwuchs und sich kulturell bedingt auch gar nicht vorstellen können, dass frau sich für was anderes interessiert.

    • tschellufjek schreibt:

      Wenn du hier ansprichst, dass du gar keine Kinder haben möchtest, wirst du schief angeschaut. Außerhalb Rigas würde ich mich auch eher davor hüten, alternative Lebensmodelle und sexuelle Minderheiten anzusprechen. Vielleicht sind die Menschen hier toleranter als ich denke, aber wenn ich höre, wie erstaunt und erschüttert mensch hier ist, wenn eine 24-jährige noch keinen Freund hat, dann möchte ich dies nicht unbedingt ansprechen 🙂

  2. Vor einiger Zeit sah ich auf arte eine Reportage über Russland und im gezeigten Milieu (mittelgroße Stadt, eher wenig Geld) heirateten die Leute früh, bekamen oft auch ein Kind, ließen sich dann aber auch schnell wieder scheiden. Bleiben die Leute da, wo du jetzt bist, immer zusammen?

    • tschellufjek schreibt:

      Meine betagten Schüler_innen sind alle seit x Jahrzehnten schon verheiratet. Aber das ist in Deutschland bei den meisten älteren Paaren ja genauso. Die Ehen von unseren Großeltern waren ja auch häufig Zweckgemeinschaften. Wie dies bei jüngeren Leuten ausschaut, vermag ich (noch) nicht zu sagen. Das wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Durch das Internet sind wir ja alle global vernetzt und viele jüngere Lett_en_innen gehen ins Ausland, weil sie dort mehr Zukunftsperspektive haben. Es ist hier übrigens nicht selten, dass die Kinder von einem Auswandererpaar bei der Großmutter in Lettland bleiben.
      Um es also mal zusammenzufassen: Viele junge Lett_en_innen erleben auch zunehmend die westliche Perspektive auf die Ehe und Partnerchaft, werden davon beeinflusst und hinterfragen eventuell das hiesige Familienmodell. Aber Lettland ist ein sehr ländlich geprägtes Land und die einzige Stadt, wo die Menschen wirklich stark vom Ausland geprägt sind und so etwas wie alternative Lebensmodelle kennen, ist Riga. Daugavpils ist die zweitgrößte Stadt, hat aber nur ca. 100.000 Einwohner_innen, ist stark russisch geprägt und ist sehr provinziell. In Deutschland haben die Leute vom Land ja auch ein völlig anderes Lebenskonzept meistens. Und Lettland besteht aus zwei Städten und viel Pampa 🙂

  3. Carmilla DeWinter schreibt:

    Arrgh, dein Blog lässt nur drei Atworten pro Faden zu, und ich hab natürlich wieder die Hälfte vergessen. Jedenfalls sollte das oben logischerweise kein Vorwurf sein (Sicherheit geht vor), sondern eine Bemerkung darüber, wie „alle machen das so“-Selbstverständlichkeiten so das Denken und das Leben einschränken können.

    • tschellufjek schreibt:

      Das ist ja blöd… Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das ändern kann…

      Naja, es ist ja nicht so, dass ich denen jetzt was vormache und sage, dass ich auch total gerne bald heiraten und Kinder bekommen möchte. Ich halte mich nur zurück mit meiner Auffassung von einem erfüllten Leben 😉 So verliere ich nicht meine Würde und gleichzeitig verschrecke ich meine Gegenüber nicht 🙂

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Ändern wg. der Kommentare: im Dashboard/WP Admin unter „Einstellungen“, „Diskussionen“, „Erweiterte Kommentareinstellungen“, statt 3 eine 5 eintragen.

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