Das Problem der Nationalstaaten

Im Bereich der Minderheitenkulturen* passiert momentan sehr viel. Im November vergangenen Jahres stimmten ungefähr 80 % der Katalonen für die Unabhängigkeit ihrer Region. Ob diesem symbolischen Referendum in Zukunft ein legales folgt, müssen, so mein letzter Stand, die spanischen Verfassungsrichter noch klären. Ein wenig weiter im Nordwesten stimmten in Schottland  am 18. September 2014 ungefähr 44% für einen unabhängigen schottischen Staat, während im selben Jahr in Venezien  ungefähr 2 Mio. Teilnehmer_innen bei einer rechtlich nicht verbindlichen Online-Abstimmung mit 89% für die Gründung einer Republik Venetien stimmten. Derweil gehen seit Monaten tausende von Breton_en_innen auf die Straßen, um gegen politische Entscheidungen der Pariser Regierung zu protestieren und um Forderungen für ihre Region zu verkünden. Die sogenannten Rotmützen** haben jüngst sogar eine Charta in verschiedenen Sprachen veröffentlicht, in der sie ihre Ziele und Werte verkünden.

Was geschieht da genau? Warum wollen sich auf einmal so viele Minderheitenkulturen von der sie umgebenen Hegemonialkultur (also der dominanten Kultur) lösen?

In einem Ableger der französischen Tageszeitung Le Monde erschien im Jahre 2011 ein sehr interessanter Artikel mit dem Titel „Les états-nations ont généré des minorités“ (Die Nationalstaaten haben Minderheiten erzeugt). Der Titel enthält direkt die These der Verfasserin, welche im Folgenden sehr schön erklärt wie Nationalstaaten überhaupt entstanden sind und welche Probleme sie hervorgebracht haben.

Die meisten Nationalstaaten entstanden erst im 19. Jh.. Dabei bildeten sich manche Nationalstaaten durch die kulturelle Nationalisierung eines bereits entstandenen Staates (Beispiel Frankreich), andere wiederum durch die Vereinigung mehrerer Kleinstaaten (siehe Deutschland und Italien) oder durch Fragmentierung (siehe Sowjetunion). Nirgendwo gab es zuvor, d.h. vor der Entstehung eines Nationalstaates, eine kulturelle Einheit. Sie existiert auch heute in keinem Staat. Und dennoch formten sich Nationalstaaten nach dem Prinzip der Homogenität, der Annahme, dass auf einem Territorium ein Volk mit einer einheitlichen Kultur lebt. Natürlich war den Staatsherren zu dieser Zeit schon bewusst, dass dies nicht der Fall ist. Um eine größtenteils kulturelle Einheit herzustellen, bedurfte es also einiger Arbeit. Dabei gab es grob gesehen zwei Möglichkeiten, eine solche Einheit herzustellen: Entweder wurden Dialekte und Minderheitensprachen (bedenkt, dass auch Nationalsprachen erst im 19. Jh entstanden sind) samt ihrer Kulturen unterdrückt oder es wurde durch eine wirtschaftliche Modernisierung und eine Demokratisierung des öffentlichen Lebens um Akzeptanz in der Bevölkerung geworben. Bâton oder carotte (Stock oder Möhre), wie der_die Franzose_Französin sagen würde. Minderheitenkulturen schauen also auf eine  lange Geschichte der Marginalisierung und Unterdrückung zurück und müssen heute um das Fortbestehen ihrer Kultur bangen. Es gibt leider keine aktuellen vertrauenswürdigen Studien zur Anzahl der Bretonischsprecher_innen in der Bretagne. Fakt ist jedoch, dass die Zahl der Sprecher_innen dieser keltischen Sprache vor allem unter jungen Leuten drastisch abgenommen hat in den letzten Jahrzehnten. Bretonische Muttersprachler_innen gibt es nur noch wenige. Da die Sprache den Schlüssel zu einer Kultur darstellt, hängt die Zukunft einer Kultur auch mit der Zukunft ihrer Sprache zusammen. Dieses Problem war den Breton_en_innen, Katalon_en_innen etc. auch schon vor ein paar Jahrzehnten bewusst, warum also jetzt der Aufstand? Meine Vermutung ist, dass die Existenzbedrohung der bretonischen Sprache und Kultur einhergeht mit einer desolaten wirtschaftlichen und politischen Lage Frankreichs und der damit einhergehenden Unzufriedenheit. Die Unabhängigkeitsbestrebungen in Norditalien sind ebenfalls auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen. Die Eingliederung in eine Hegemonialkultur scheint also nur solange zu funktionieren wie diese auch etwas bieten kann. Ich bin mal gespannt wie das alles sich weiter entwickeln wird. Ich werde jedenfalls genau hinsehen, was sich in Zukunft vor allem in Venetien, Katalonien und in der Bretagne so tun wird 🙂

Allgemein möchte ich  mit einer Feststellung der Verfasserin des oben erwähnten Artikels abschließen, welchen ich leider nicht verlinken kann, da er mir nicht als Online-Ausgabe vorliegt:

Dadurch, dass die heutigen Nationalstaaten sich als Gesamtheit präsentieren, schaffen sie neue Minderheiten.

Einen Satz, den wir auf so gut wie alle Minderheiten anwenden können.***

* Im Sinne von „eingebettet in eine Hegemonialkultur“ und ohne eigenen Staat

**Der Name ist eine Anspielung auf eine bretonische Protestbewegung von 1675, die gegen die Steuerpolitik von Ludwig XIV protestierte und dabei rote (in manchen Gegenden aber auch blaue) Mützen trug.

*** siehe hierzu meinen Gastbeitrag bei asexy.de

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2 Antworten zu Das Problem der Nationalstaaten

  1. Na so was, das mit Venetien wusste ich noch gar nicht.

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