Interkulturelle Erlebnisse in Nordafrika

Es gibt unzählige Gründe, warum ich mein Studium liebe. Einer davon ist, dass es mir häufig die Möglichkeit gibt, durch die Weltgeschichte zu reisen. Die Möglichkeit, an einem Seminar über Vorurteile und Stereotypen in Algerien teilzunehmen, wurde mir zwar diesmal nicht von meiner Uni verschafft, aber von einer Institution, die bereits seit Jahren eng mit der Romanistik meiner Uni und insbesondere mit meinem Studiengang zusammenarbeitet. Da das Deutsch-Französische Jugendwerk einen Großteil der Kosten übernahm, war der Eigenanteil so gering, dass es blöd gewesen wäre, sich diese Gelegenheit durch die Lappen gehen zu lassen. Wann fliegt mensch schon nach Algerien? Zumal dieser Riesenstaat der wohl unbekannteste und unscheinbarste Staat des Maghrebs ist. So wird Marokko und Tunesien in der Romanistik weitaus mehr Aufmerksamkeit geschenkt, aber hierzu ein anderes Mal! Damit ich in Zukunft Jugendlichen an Schulen erklären kann, was der Unterschied zwichen einem Stereotyp und einem Vorurteil ist und wie diese manchmal in Diskriminierung münden können, flog ich also mit einer 8-köpfigen deutschen Delegation nach Oran, der zweitgrößten Stadt Algeriens. Am Flughafen trafen wir auch auf unsere stark ausgedünnte französische Teilnehmergruppe, von der nur 3 von 9 Personen ein Visum bekamen. Mitglieder unserer algerischen Partnerorganisation fuhren uns dann zu unserer Unterkunft, welche so ca. 1 Stunde vom Flughafen entfernt und gegenüber vom Strand lag. Da wir am späten Abend ankamen, hatten sich die Temperaturen ein wenig abgeschwächt, was uns beim Abendessen auf einer Strandpromenade zum Zittern brachte. Das Zittern ging am nächsten Morgen weiter, denn in meinem Appartment, welches ich mit einer algerischen und einer französischen Teilnehmerin teilte, gab es zunächst kein warmes Wasser und die Duschbrause funktionierte nicht. Meine algerische Kollegin schnitt mir folglich eine Wasserflasche zurecht, die ich als Dusche verwenden konnte. Ich kippte mir also 20 Minuten lang kaltes Wasser über den Körper und stand dabei auf eisig kalten Fliesen. Nicht gut für meine Gesundheit! Zwei Tage später krachte dann mein Immunsystem zusammen und ich bekam eine starke Erkältung. Und dies ausgerechnet einen Tag vor unserer großen Intervention am Institut francais von Oran. Denn, nachdem wir drei Tage lang verschiedene Methoden erlernt hatten, um jungen Leuten den Unterschied zwischen Stereotypen und Vorurteilen zu verdeutlichen, wurden wir am 4.Tag unseres Aufenthalts sofort als Animateure eingesetzt. 6 Stunden lang leiteten wir also verschiedene Ateliers zu dem Thema. Die Methoden stellten sich als sehr fruchtbar heraus, denn wir bekamen eine sehr positive Resonanz und Abschlussdiskussionen zeigten, dass die Botschaft bei den Teilnehmer_innen angekommen war. Obwohl die Animateur-Ausbildung sehr viel Zeit in Anspruch nahm, kamen wir dennoch in den Genuss mehrerer kleinerer Ausflüge in die Umgebung. Da unsere algerische Partnerorganisation sich mit der Denkmalpflege unter anderem befasst, bekamen wir eine sehr interessante Führung durch die historische Entwicklung der Stadt Oran. Wir bekamen auch einmal die Gelegenheit,  uns den Markt der Stadt anzuschauen. Leider hatten wir nur gut 2 Stunden zu unserer Verfügung, sodass ich nicht sehr viele Eindrücke gewinnen konnte. Eins ist jedoch sicher: Algerier_innen sind ein sehr musikalisches Völkchen. Unsere algerischen Kollegen_innen fingen bei jeder Gelegenheit an zu singen und zu tanzen, kein noch so langer Arbeitstag konnte ihnen die Energie für eine abendliche Party nehmen und in den Straßen ertönte stets laute Musik aus den Autos – zu jeder Zeit! Es würde mich nicht wundern, wenn Algerier_innen uns als total steif empfinden würden. Wir mit unserem starken Bedarf nach Privatsphäre und gelegentlicher Ruhe, unserem Scham, vor anderen Menschen zu tanzen und unsere komplizierten Verhaltenskodexe bei Theaterveranstaltungen beispielsweise. Ich vermisste während der Woche sehr stark meine sonst so strick eingehaltenen Ruhephasen und war, ebenso wie meine deutschen Kollegen_innen ziemlich entsetzt (und zugleich belustigt) von dem Publikum im Theater von Oran, in dem wir uns eine Flamenco-Veranstaltung vor unserem Abreisetag anschauten. Alle Verbote, die vor der Veranstaltung von einer Art Moderatorin erteilt worden waren (Handy aus, nicht filmen etc.), wurden gepflegt übergangen. Von meinem Platz in der obersten Etage aus, blickte ich auf ein Meer an mich anstrahlenden Handyscreens hinab. Hinter mir wechselten junge Leute alle paar Minuten ihre Plätze, andere fingen an zu telefonieren und sich laut zu unterhalten. Zwischendurch begannen die Zuschauer_innen wild zu der Musik zu klatschen – jedoch völlig außer Takt. Mein Lieblingsmoment war jedoch, als ein Theatermitarbeiter auf die Bühne ging, um manuell das Licht anzumachen 🙂 Herrlich! Wir hatten das Gefühl, das Publikum habe die Veranstaltung nicht wirklich gemocht, weil sie so unruhig waren. Am Ende standen jedoch alle auf und gaben Standing Ovations. Schöner kann mensch die Wirkung unserer „kulturellen Brille“ nicht veranschaulichen.

Eine sehr erlebnisreiche und schöne Woche. Ich habe zwar nicht sehr viel von Algerien sehen können, aber das, was ich gesehen habe, war sehr schön. Das Meer war türkisblau, die Vegetation sehr reich und die Architektur und Struktur der Stadt Oran hat mir sehr gut gefallen. Hier noch ein paar kleine Impressionen:

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Über tschellufjek

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5 Antworten zu Interkulturelle Erlebnisse in Nordafrika

  1. Trippmadam schreibt:

    Aus Oran stammten, soweit ich mich erinnere, einige gute Flamencotänzer, zum Beispiel mein ehemaliger Lehrer Antonio Vargas. Der Flamenco soll in der Gegend sehr beliebt gewesen sein. Deshalb wundert es mich, dass das Publikum nicht im Takt klatschen kann. In Andalusien ist ein „Olé“ an der falschen Stelle gleichbedeutend mit dem gesellschaftlichen Tod 😉

    • tschellufjek schreibt:

      Ah echt? Nein, das Publikum schien zwar sehr angetan vom Flamenco zu sein, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass eine Reihe Experten im Publikum saßen. Hinter mir sagte ein Mann zu einer jungen Frau, dass in Algerien ja schon immer Tango getanzt wurde 🙂 Entweder er hat sich versprochen oder er kann die Tänze wirklich nicht auseinander halten. Naja, Kulturen entwickeln sich ja stetig. Vielleicht ist der Flamenco heutzutage nicht mehr so präsent in Oran.

  2. Carmilla DeWinter schreibt:

    Interessant. Sowohl das, was es organisiert zu lernen gab, als auch die Beobachtungen aus dem Theater.
    Wobei schon einmal bei einem (Irish Folk) Konzert hier sich die Sängerin sehr positiv äußerte, dass das Publikum in der Lage war, den Takt off beat zu klatschen… Mangelndes Rhythmusgefühl ist international?

    • tschellufjek schreibt:

      Ich denke, dass es in manchen Kulturkreisen mehr Gespür für Rythmus gibt als in Anderen. Allerdings gibt es immer Ausnahmen.
      Vielleicht liegt es auch an der sehr unterschiedlichen Musik. Wenn es um Volksmusik geht, haben viele Deutsche ja auch Rythmusgefühl. Nur ist dieser Rythmus nicht auf andere Folklore-Musik zu übertragen. Die deutschen Diskomoves sind überhaupt nicht kompatibel mit arabischer Musik zum Beispiel. Ist jedenfalls ein spannendes Thema !

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Stimmt. Diskofox geht nicht zu Amr Diab oder Khaled. Ich kann keinen Diskofox, außerdem erschließen sich mir 7/8 Rhythmen nur bedingt, weil ungewohnt.

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