Understanding Asexuality

Unzählige ungelesene Bücher stapeln sich in meinem Regal und jedes Mal, wenn ich eins davon aus seinem Staub befreien möchte, kommen neue Fundstücke hinzu. Neulich fand ich per Zufall Anthony Bogaerts semi-wissenschaftliche Lektüre Understanding Asexuality in der Universitätsbibliothek und lieh es – einem starken Impuls folgend- sofort aus.  Neben dem Buch Asexuality: An Overview gilt Understanding Asexuality als bekanntestes „Aufklärungsbuch“ über die A_sexualität. Wenn ich hier übrigens zwei englischsprachige Titel nenne, liegt das nicht daran, dass ich der deutschen Sachliteratur den Rücken kehre. Es gibt noch kein Buch über Asexualität im Allgemeinen auf Deutsch, wohl aber über den „Mythos der Asexualität beim Kind und im Alter“.  Wie dem auch sei, ich habe Understanding Asexuality innerhalb von ein paar Tagen gelesen, was nicht unbedingt an meiner normalen Lesegeschwindigkeit liegt, sondern vielmehr an der möglichst einfach gehaltenen Sprache, die der kanadische Psychologie-Professor in diesem Buch verwendet. Seinen eigenen Aussagen zufolge richtet sich das Buch insbesondere an die Allgemeinheit, deren ersten Fragen im Laufe der Lektüre möglichst weitgehend beantwortet werden sollen. Ein wenig kompliziert für den_die Durchschnittsleser_in (insbesondere für den_die nicht-englischsprachigen Leser_in) wird es nur, wenn biologische Prozesse erklärt werden. So gibt es ein Kapitel über das biologische Geschlecht und das kulturell konzipierte Geschlecht (im Folgenden einfach als „Gender“ bezeichnet), wo Bogaert hormonelle und pränatale Prozesse umschreibt, die unter Umständen die sexuelle Orientierung und das Gender einer Person beeinflussen bzw. verursachen können. Ich werde hierauf nicht näher eingehen, weil ich a) in Biologie schon immer eine Niete war und ich mir nicht zutraue, diese Erklärungen gerecht wiederzugeben, und b) skeptisch bin, was die Folgen einer solchen Ursachenforschung anbelangt. So wird in dem Buch erwähnt, dass Forscher_innen herausfanden, dass Homosexualität und Linkshändigkeit, aber auch A_sexualität z.B., durch Stress während der Schwangerschaft ausgelöst werden können. Das Bild von homophoben schwangeren Frauen, die sich neun Monate lang in einem mit Bachblüten und Rosen geschmückten Wellness-Raum zurückziehen und dabei Yoga-Musik hören, erscheint mir da sofort vor Augen. Wer die Ursache kennt, kann ja vermeintlich etwas dagegen tun. Ein Spiel mit dem Feuer.

Insgesamt kann ich dieses Buch nur empfehlen, da es die vielen Kontroversen rundum das Thema der A_sexualität aufgreift und zum Teil auch auflöst – und das alles in einer verständlichen Sprache. Drei Überlegungen bzw. Untersuchungen Bogaerts fand ich besonders interessant:

1. A_sexualität und Gender: Bogaert äußert hier die Vermutung, dass A_sexuelle häufiger als Sexuelle sich nicht in das klassische Gender-Modell einfügen.

2. Die Omnipräsenz von Sex: Viele von uns – insbesondere die Aktivisten_innen unter uns – mussten schon mindestens einmal zu hören bekommen, warum wir mit „unserer A_sexualität hausieren gehen“. Über solche Äußerungen muss ich stets lachen, denn uns wird die Sexualität unserer Umwelt jeden Tag ins Gesicht geschleudert. Kaum ein Film ohne Sexszenen, kaum ein Song ohne sexuelle Anspielungen, kaum ein Roman ohne sexuelle Inhalte etc. Bogaert zeigt in seinem Buch auf, wie stark unsere Kultur von der „madness of sex“  und der Heteronormativität geprägt ist. Er erklärt, dass unser ästhetisches Empfinden unter anderem auch von unserer sexuellen und romantischen Orientierung abhängt. All jenen, die meinen, wir würden uns mit Coming-outs aufdrängen und hätten Spaß daran, sei an dieser Stelle gesagt, wie viele Kompromisse wir tagtäglich bereits eingehen.

3. A_sexualität und Humor: Im 12. Kapitel seines 161-Seiten umfassenden Buches geht Bogaert auf den ebenfalls sehr heteronormativ geprägten Humor unserer Gesellschaft ein und das daraus resultierende Verhältnis zwischen A_sexuellen und Humor. So kann der Erfolg eines sexuell angehauchten Witzes davon abhängen, inwiefern und ob die jeweilige Person sexuelle Spannungen (sexual tensions) aufgebaut hat und/oder sich den Witz schnell und einfach veranschaulichen kann. Dies muss allerdings nicht heißen, dass A_sexuelle nie über solche Witze lachen können. Schließlich sind wir alle in einer sexualisierten Gesellschaft großgeworden, deren Codes wir nach und nach – wie alle Anderen – erlernt haben. Letztendlich sind dies jedoch alles nur Vermutungen, die noch weiter untersucht werden müssen. Ich bin gespannt, was diesbezüglich noch herausgefunden wird.

Ich hoffe, dass es irgendwann mal eine deutsche Fassung gibt, sodass diese Überlegungen und Erkenntnisse jeder interessierten Person in Deutschland zugänglich sein werden. Übrigens denke ich, dass dieses Buch  insbesondere für sexuelle Menschen interessant ist. So sagt Bogaert selbst, dass die A_sexualität uns helfen kann, Sexualität besser zu verstehen. Und was wäre die Welt nicht schön, wenn jeder seine Identität kennen und verstehen würde.

Bogaert, Anthony: Understanding Asexuality. Lanham, Rowman&Littlefield, 2012

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Eine Antwort zu Understanding Asexuality

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    Halb off-topic hatte ich heute mit dem LSBTTIQ-Netzwerk BaWü zu tun, und die fanden es äußerst interessant, dass wir eine Unterscheidung zwischen romantischer und sexueller Orientierung machen – insofern eine Bestätigung, dass Asexualität auch für nicht-asexuelle Personengruppen interessante Impulse liefern kann.

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