Die Kunst des Coming-outs

Das Coming-out wird vom Duden   als ein „absichtliches, bewusstes Öffentlichmachen von etwas, insbesondere der eigenen Homosexualität“ definiert.  In diesem Jahr kamen mehrere Hollywoodstars „aus dem Schrank“ (Wentworth Miller, Ellen Page…) und rückten das Outing wieder ins Visier des medialen Interesses. Und heute ist der 26. Coming-out-Tag! Eine gute Gelegenheit, um diesem spannenden Thema einen Blogeintrag zu widmen.

Warum sich outen?

Die Gründe für ein solches „bewusstes Öffentlichmachen“ sind verschieden, aber ein Grund ist allen „Outern“ gemein: Sie wollen sich nicht weiter verstecken und offen so leben, wie sie leben wollen. Das ist auch ein Wunsch, den viele A_sexuelle haben. Nun fragt sich so manch eine_r wahrscheinlich, inwiefern wir uns ohne Outing „verstecken“ bzw. was „offen a_sexuell leben“ bedeutet. Zumindest war dies für einige, denen ich mich in den letzten Jahren anvertraut habe, ein Rätsel. Viele verstehen unter „offen etwas ausleben“ nur eine öffentliche Darbietung der sexuellen Identität, so wie es beim Christopher Street Day der Fall ist. Dabei vergessen sie, dass „offen etwas ausleben“ vor allem bedeutet, dass mensch nicht z.B. in seinem Bekannten- und Freundeskreis aus Angst vor Diskriminierung vorgeben muss, sich vom anderen Geschlecht hingezogen zu fühlen oder eben Sex total super zu finden. Im Falle einer a_sexuellen Person fällt mir spontan das Trinkspiel-Beispiel ein: Ich geriet bisher dreimal in meinem Leben in ein – sagen wir mal – „frivoles Trinkspiel“*. Jedes Mal sah ich mich vor zwei schwierige Entscheidungen gestellt: Entweder ich nehme am Spiel teil und verstecke einen Teil meines Ichs, damit ich mich nicht unfreiwillig oute. Oder ich nehme nicht  am Spiel  teil und muss mich vermutlich erklären, da ich die Einzige wäre, die ihre Teilnahme am Spiel verweigert (zumindest war dies immer der Fall). Ich habe mich also stets für eine Teilnahme entschieden. Dies stellte mich vor folgendes Problem: Bei drei bis sechs Spieler_n_innen, die alle auch gerne ihre Meinungen und Erfahrungen am Ende verraten (die Antworten sind eigentlich anonym), würde irgendwann auffallen, dass ich nahezu alle Fragen mit Nein beantworte, was wiederum zu gewissen Fragen führen wird. Da ich ein Coming-out bei Alkoholeinfluss nicht gerade prickelnd   finde, habe ich mich bisher stets dazu entschieden, in die Haut einer anderen Person zu schlüpfen und Antworten zu geben, von denen ich glaubte, sie garantierten mir ein Low Profile während des Spiels. Dies gilt auch für diverse Gespräche. Im Falle von Bekannten ist dies jedoch nicht weiter tragisch, da ich diese nicht regelmäßig treffe und mir daher das Schauspiel nicht als Dauerlösung vorkommt. Schwierig wird es bei der eigenen Familie. Mit meiner Mutter kann ich ganz offen über meine sexuelle Orientierung sprechen, schließlich war sie auch diejenige, die mich überhaupt auf die A_sexualität aufmerksam gemacht hatte. Bei meinem Vater sieht dies jedoch anders aus. Alles, was nicht heteronormativ ist, ist für ihn krank und nicht natürlich. Frau und Mann können seiner Meinung nach nicht befreundet sein, da automatisch etwas Sexuelles entsteht. Seinem Denkschema zufolge bin ich also mit meinem festen Freund nach Indien geflogen und sollte mich schämen dafür, dass ich ihm vorher diesen nicht  vorgestellt hatte. Diese Einstellung ist einer der Gründe, warum ich mit meinem Vater grundsätzlich nicht über solche Themen spreche. Ich hätte sogesehen kein Problem, wenn er bis an sein Lebensende nichts von meiner A_sexualität wüsste. Die Angst, das er dies mal irgendwann auf Umwegen herausfinden könnte, macht mich jedoch an manchen Tagen fast wahnsinnig und ich finde es allgemein schade, ein solches Versteckspiel vor seiner eigenen Familie betreiben zu müssen.

Das Coming-out: ein einfaches Unterfangen heutzutage?

Mir wurde schon häufig gesagt, dass ein Coming-out in der heutigen Zeit ein leichtes Spiel sei. Durch mein oben angeführtes Beispiel habe ich ja bereits ein wenig die Schwierigkeiten angeführt. Generell habe ich häufig das Gefühl, dass viele Leute nicht verstehen, warum es a_sexuellen und allgemein queeren Aktivismus gibt, da mensch heute ja „ganz normal nach seiner Façon“ leben könne. Diese Leute verkennen völlig die Situation in den Dörfern unseres Landes und vor allem die rechtliche Lage, die einem „queeren“ Leben häufig noch im Wege steht (zumal wir ja immer noch kein laizistischer Staat sind und die Kirche somit immer noch ins Privatleben der Menschen eingreift) .  Dies aber mal nur so am Rande erwähnt. Natürlich ist es leichter, sich heutzutage zu outen als noch vor ein paar Jahren. Gewisse Schwierigkeiten wird es aber auch in der tolerantesten Gesellschaft geben, da so ein Outing nicht einfach in jedem Moment gemacht werden kann. Selbst meine beste Freundin würde ich nicht mit den Worten „Hallo! Wie geht’s? Ach übrigens, ich bin a_sexuell“ begrüßen. Bisher habe ich das so gehandhabt, dass ich gewisse  Gesprächsthemen als Anlass  genutzt habe, um mich zu „outen“. Die meisten haben es auch sehr gut aufgenommen und mir blöde Fragen erspart. Ein paar Freundinnen sagten sogar, dass sie sich das schon gedacht hatten. Manche meinten jedoch auch, dass das vielleicht nur eine Phase sei und dass ich noch zu jung sei, um dies endgültig sagen zu können. Dies sind zwar gut gemeinte Aussagen**, aber sie diskreditieren meine Urteilskraft und Identität, indem sie die Existenz der A_sexualität hinterfragen bzw. komplett verleugnen. Im Endeffekt bekommen wir häufig das zu hören, was Homosexuelle vor ein paar Jahren (und leider teilweise immer noch) zu hören bekamen. Aus diesen Reaktionen folgt ein weiterer wichtiger Grund für ein Coming-out als a_sexuelle Person: Die Sichtbarmachung! Dass, was viele Leute als einen Vorteil für uns halten, ist nämlich eigentlich die größte Diskriminierung, die wir erfahren: Die Unsichtbarkeit von A_sexualität. Diese schützt mich zwar vor offener Diskriminierung, hat aber auch zur Folge, dass mensch häufig meine sexuelle Orientierung hinterfragt oder gar nicht erst hinnimmt. Eine 21-jährige, die sich als a_sexuell bezeichnet?? Das arme Kind hat doch noch ihr ganzes Leben vor sich. Warum so eine harte Diagnose über sich selbst anstellen? Dies scheint der Gedanke all jener zu sein, die mich lieber zum Psychiater schicken wollen, um dort zu testen, ob ich als Kind Traumata erlitten habe, als einfach anzuerkennen, dass ich sauglücklich und zufrieden mit meinem Leben bin  – und das OHNE Sex! Je mehr A_sexuelle „den Schritt nach draußen“ wagen, desto eher wird diesen Leuten vielleicht bewusst, dass „a_sexuell“ kein Begriff ist, hinter dem sich manche Spätzünder_innen und frustrierte Loser verstecken, die einfach keine_n abkriegen, sondern ganz normale Menschen, die lieber Kuchen essen als Sex zu haben 🙂 Und je mehr über A_sexualität gesprochen wird, desto mehr normalisiert sich das Thema. Momentan sind wir noch die großen Exote_n_innen, die erst einmal einen Kurzvortrag halten müssen, wenn sie sich jemandem erklären. Die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, wussten beispielsweise nicht, dass ein_e A_sexuelle_r nicht automatisch auch Aromantiker_in ist. Sex und Liebe sind für viele zu stark verschmolzen, um getrennt voneinander existieren zu können (oder gar zu dürfen). Sogesehen wäre es schön, wenn die A_sexualität mehr thematisiert wird. Das hat vielleicht zur Folge, dass wir unser Privileg der Unsichtbarkeit verlieren, hätte jedoch den enormen Vorteil, dass unsere Coming-outs nicht mehr so mühsam sein würden. In dem Sinne: Kommt raus aus eurem Haus!

*Trinkspiele, bei denen Fragen beantwortet werden müssen, die sich rundum das Sexleben der Spieler_innen drehen.

** Für manche Leute scheint mein Leben sehr mitleidserregend zu sein, weshalb sie meinen, mich trösten zu müssen.

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Über tschellufjek

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8 Antworten zu Die Kunst des Coming-outs

  1. Isaac schreibt:

    Yes, the frivolous drinking games with questions about virginity… I think it’s better to invent an official truth and avoid being outed in such a way.

  2. Ah, du warst gestern offenbar fleißiger als ich. 🙂 Deine Definition von „etwas offen ausleben“ finde ich sehr gut.
    Und wenn Leute sagen, Männer und Frauen könnten nicht miteinander befreundet sein, möchte ich ihnen immer gern die Frage stellen, ob sie der Meinung sind, dass Bisexuelle mit niemandem befreundet sein können, schließlich könnten die ja potenziell auf jede Person stehen. Aber manche besonders ignoranten Exemplare würden da womöglich noch „ja“ sagen *grrr*.

    • tschellufjek schreibt:

      Dafür warst du vor einem Jahr fleißiger als ich 🙂

      An für sich ein super Beispiel, allerdings existieren Bisexuelle für diese „besonders ignoranten Exemplare“ ja nicht. In deren Augen sind das allenfalls temporär „fehlgeleitete“ Personen… Mit solchen Leuten zu argumentieren ist genauso fruchtlos wie der Versuch, einen Wackelpudding an die Wand zu nageln.

  3. Carmilla DeWinter schreibt:

    Etwas verspätet auch von mir hier ein Kompliment: Klasse Erklärung. Und was bin ich froh, dass ich „uncoole“ Freund*innen habe, denen solche Trinkspiele nie im Traum eingefallen wären.

  4. Milchschaum93 schreibt:

    Also vorab schonmal: sehr gut geschrieben 😉

    Ich bin durch Zufall auf deinen Blog gekommen, weil Ich mich über „Demisexulität“ informieren wollte. Einfach nur reines Interesse, man lernt ja nie aus 😛
    Danach habe ich hier noch ein bisschen weitergelesen. Asexualität war mir schon vorher bekannt. Also in der Theorie. Ich hab niemanden im Bekanntenkreis, der asexuell ist bzw. keiner hat sich bisher geoutet. Ich fände es keineswegs schlimm. Im Gegenteil, ich bin generell ein Mensch, der sehr offen gegenüber „Andersartigem“ (ist in keinster Weise negativ) ist. Egal ob Kultur, Herkunft, Religion, Sexualität. Nur bei mir selbst nicht.
    Ich bin genauso alt wie du und ganz anders. Mein Coming-Out wäre zum einen meine Hypersexualität (verstärktes Verlangen nach Sex) und zum Anderen meine Bisexualität. Mit Ersterem gehe ich relativ offen um, habe keine Probleme mit guten Freunden darüber zu sprechen und die Lover merken’s sowieso. Allerdings vertraue ich sehr selten jemandem an, dass ich auch auf Frauen stehe.
    An dieser Stelle noch ein Kommentar zu den vorherigen Kommentaren: Ich bin auch der Meinung, dass Freundschaft zwischen Mann und Frau in der Regel nicht existiert, vorausgesetzt beide sind Single. Im Normalfall liegt das an den Männern, weil die eben ständig an Sex denken und keine Chance verpassen wollen. Ich selbst als hypersexuelle Person habe auch eigentlich keine männlichen Freunde, weil es zu ‚riskant‘ wäre, da ich keine Hemmschwelle habe, eben wie ein Mann. Ich verstehe mich sehr gut mit Männern, das ist dann aber eine sehr oberflächliche und distanzierte Beziehung, Treffen finden nur in der Öffentlichkeit statt.
    Anyway, ich freu mich für dich, wenn du glücklich mit deiner Asexualität bist. Ich bin es mit der Hyperaktivität nämlich nicht. 😉

    Lieben Gruß
    Milchschaum93

    • tschellufjek schreibt:

      Vielen Dank für das Lob und dein Interesse!

      Ich finde es immer wieder gut zu hören (bzw. zu lesen), was die „Gegenseite“ (nicht im Sinne von „Gegner“!) so denkt. Was den Umgang mit der romantischen Orientierung angeht, teile ich dein Problem. Während ich relativ offen mit meiner Asexualität umgehe, bin ich mir bei meiner romantischen Orientierung nocht nicht so sicher (die Leser_innen meines Blogs haben dies vielleicht schon gemerkt). Das liegt zunächst einmal daran, dass ich selbst nicht ganz weiß, welcher „Kategorie“ ich genau angehöre. Ich habe mich zwar schon ein paar mal verliebt, hatte jedoch bisher nur einmal das Verlangen, eine feste Beziehung einzugehen. Zudem fällt mir auf, dass es bestimmte Charakteristika sind, die Personen für mich romantisch attraktiv machen. Diese habe ich bisher eher bei Frauen ausfindig machen können als bei Männern. Besonders wichtig ist für mich der intellektuelle Austausch, weshalb ich manchmal darüber nachdenke, ob ich mich nicht als sapioromantisch bezeichnen würde. Du merkst, es ist kompliziert… Und an diesem Punkt kann ich einen guten Übergang zu deiner Einstellung zu männlich-weiblichen Freundschaften herstellen. Wie bereits erwähnt war ich des häufigeren verliebt, ohne jedoch meinen Gefühlen nachgehen zu wollen. Ich war immer glücklich genug, mit den einzelnen Leuten Zeit zu verbringen und angeregte Gespräche mit ihnen zu führen. Wenn diese Personen glücklich in einer festen Beziehung waren, war ich es auch. Hier liegt wahrscheinlich einer der größten Unterschiede zwischen asexuellen und sexuellen Menschen. Bei uns wird die Freundschaft stark valorisiert (was nicht bedeuten soll, dass sie für sexuelle Menschen scheißegal ist) und einer festen Beziehung häufig gleichgestellt. Da ich weder an Frauen noch an Männern sexuell interessiert bin, stellt sich bei mir dieses Problem nicht. Ich bin mir aber übrigens auch nicht so sicher, ob wirklich so viele Männer ständig an Sex denken. Das ist, meiner Meinung nach, ein Mythos.

  5. Pingback: Versaute Asexuelle | tschellufjek

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