Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Als wander- und abenteuerlustige Person klang der Titel dieses fast 400 Seiten umfassenden Romans von Rachel Joyce schon sehr vielversprechend. Ich hatte jedoch zunächst die Befürchtung, es handele sich hierbei um einen fiktionalen Reisebericht, welcher mir  Landstriche beschreibt und mir zudem ein paar Binsenweisheiten durch Dialoge vermittelt.   „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ ist jedoch kein fiktionaler Reiseführer und stellt die Reiseroute auch nicht  in den Vordergrund. Vielmehr schildert Rachel Joyce hier die Selbstfindungsreise eines frischgebackenen Rentners, den der Brief einer an Krebs erkrankten alten Arbeitskollegin aus seinen tristen, eintönigen Leben weckt und zu einer Wanderung der Extraklasse bewegt. Dabei geht es der Autorin vor allem um das Innenleben des Wandernden, welches dem_der Leser_in dazu verhilft, die Beweggründe für diese wahnwitzige Unternehmung, welche die Wanderung von einem Ort in Südengland zu einer schottischen Grenzstadt darstellt, zu verstehen. Denn Harold Fry ist alles andere als ein unternehmungslustiger und – vor allem – sportlicher Mann.  Er gehört zu der Spezies Mensch, die vollends ihren Gewohnheiten verfallen sind und allgemein ein sehr gefestigtes Leben führen. Harold ist seit über 40 Jahren verheiratet, hat nie seinen Arbeitgeber gewechselt, lebt seit Jahrzehnten im selben Haus und lebt nach strikten Ritualen. Bei seiner Ehe ist die Luft raus, eine wirkliche Kommunikation mit seiner Ehefrau findet nicht mehr statt.  Es ist letztendlich die Gewohnheit, die beide zusammenhält. Direkt zu Beginn der Geschichte wird deutlich, dass seine Ehefrau seiner Präsenz überdrüssig ist – insbesondere seitdem Harold in Rente gegangen ist und  das Haus nicht mehr verlässt. Erst der Brief von Queeney, seiner ehemaligen Arbeitskollegin, kann das verkrustete Alltagsleben von Harold durchbrechen und eine Zäsur in seinem Leben herbeiführen. Als er seinen Antwortbrief in den Briefkasten schmeißen möchte, entscheidet er sich dazu, weiter bis zum nächsten Briefkasten zu laufen. Dies geht immer so weiter bis er durch eine entscheidende Begegnung beschließt, komplett bis nach Berwick zu laufen. Mit dieser anfangs völlig unwahrscheinlich klingenden Aktion will er den Überlebenswillen von Queenie entfachen und sie durch die Hoffnung auf seine Ankunft am Leben erhalten. Ohne die entsprechende Ausrüstung, aber mit einer ganzen Menge an Hoffnung, bricht Harold also gen Norden auf. Er stößt auf seinem Weg auf einige Hindernisse – insbesondere auf seine schlechte körperliche Verfassung -, wird jedoch immer zur richtigen Zeit von hilfsbereiten Menschen zum Weitermachen ermuntert. Aus dem schüchternden, verängstigten und völlig lebensunfähigen Harold Fry wird mit zunehmender Kilometerzahl ein immer aufgeschlossenerer, mutigerer Mann, der nach und nach mit seiner schwierigen Vergangenheit aufräumt und dabei immer mehr sein eigener Herr wird.

Insbesondere die Beschreibung seines Verhältnis zu seiner Ehefrau und zu seinem einzigen Sohn, den er seit 20 Jahren weder gesprochen noch gesehen hat, ist herzzereißend. Rachel Joyce schafft es dabei mit unglaublicher Raffinesse, dem_der Leser_in die Gefühle aller Personen deutlich und verständlich zu machen. Sie ermutigt uns, hinter die Fassade unserer Mitmenschen zu schauen, sie nicht einfach zu verurteilen, sondern ihr Verhalten zu hinterfragen und zu verstehen. Dabei macht sie auf das, meiner Meinung nach, Hauptproblem unserer Gesellschaft aufmerksam: Die fehlende  Kommunikation. Niemand ist perfekt und jeder hat im Laufe seines Lebens gewisse Prägungen mitbekommen, die problematisch für zwischenmenschliche Beziehungen sein können. Anhand der Geschichte von Harold Fry zeigt Joyce jedoch, dass viele Probleme überbrückt und behoben werden können, wenn ein ernsthafter Austausch zwischen den einzelnen Personen stattfinden würde.

Der Roman liest sich sehr schnell und gut und versorgt den_die Leser_in mit vielen Anregungen zum Nachdenken. Für mich beweist „Die unglaubliche Pilgerreise des Harold Fry“ einmal mehr, dass selbst Unterhaltungslektüren wichtig für unsere persönliche Entwicklung sind und uns unterbewusst so einiges lehren.

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