Deutschland und die „Homoehe“

Während die gleichgeschlechtliche Ehe mittlerweile in allen Ländern westlich und nördlich von Deutschland erlaubt ist, fehlt hier nach wie vor eine wirklich öffentliche Debatte über  eine mögliche Öffnung der Ehe für homosexuelle/homoromantische Paare. Hätte ich keine Recherchen über Christiane Taubira, der französischen Justizministerin*, machen müssen, würde ich bis heute nicht wissen, dass unser Verfassungsgericht seit 2009 unsere Politiker_innen dazu auffordert, gleichgeschlechtliche Paare steuerlich gleichzustellen, diese Gleichstellung allerdings seitdem von der CDU/CSU und der FDP geblockt wird. Die Lebenspartnerschaft und ihr Unterschied zur Ehe wird in der Öffentlichkeit wenig diskutiert und häufig wird ihr fahrlässig von Journalisten_innen der Name „Homoehe“ verabreicht, was irreführend und sprachlich völlig falsch ist. Wenn dann das Verfassungsgericht mal kurz auf den Tisch haut, wird vielleicht eine Reportage in einer Nachrichtensendung darüber gebracht, bei der ein Reporter Politiker_innen zu ihrer Meinung befragt. Konservative Politiker_innen sagen dann kurz und ohne großartige Erklärungen, dass die Ehe zwischen Mann/Mann oder Frau/Frau die  „traditionelle Familie“ in Gefahr bringe und die Ehe eine „Verbindung zwischen Mann und Frau“ sei. Danach wird das Thema eine Zeit lang wieder totgeschwiegen. Als in Frankreich Familien mit ihren Kindern auf die Straße gingen, um dort gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, die Genderfrage auf dem Lehrplan und das Adoptionsrecht für Homo(a)sexuelle zu protestieren, kam das Thema kurz auf unsere Debatten-Tagesordnung. Interessant bei den Talk-Runden über dieses Thema war vor allem die Banalität der Aspekte, mit denen die Gäste sich so beschäftigten. So wurde bei Hart aber fair fast 20 Minuten lang über einen Adventskalendar und einen schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt in Köln diskutiert. Warum? Laut den beiden homophoben Hardlinern** Birgit Kelle und Martin Lohmann ist die Existenz eines solchen Weihnachtsmarktes ein Zeichen dafür, dass Schwule und Lesben sich abgrenzen wollen und zu ihrer eigenen Ausgrenzung beitragen. Wenn sie gleichberechtigt werden wollen, dann müssen sie sich schon unter das gemeine Fußvolk auf dem „normalen“ Weihnachtsmarkt mischen. Das Wort „normal“ tut hier besonders weh. Leider sagt keiner der drei anwesenden homosexuellen Gäste, dass es selbst in Deutschland und in solch toleranten Städten wie Köln manchen Leuten ein Ärgernis ist, homosexuelle/homoromantische Paare Hand in Hand durch die Straßen laufen oder sich küssen zu sehen. Auf einem schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt müssen sich zwei Frauen oder zwei Männer keine Sorgen machen, wenn sie offen ihre Liebe zeigen. Dies ist leider nach wie vor Realität. Martin Lohmann sieht dies allerdings nicht so. Für ihn stellen der Adventskalendar und der Weihnachtsmarkt den „Hype von Homosexualität“ dar, den wir, laut ihm, seit ein paar Jahren erleben. Birgit Kelle sieht hier zudem eine bewusste und gegen Heterosexuelle gerichtete Provokation. Ihr zufolge haben Schwule und Lesben also anscheinend den Weihnachtsmarkt  mit der Intention errichtet, den regulären Weihnachtsmarkt zu übertreffen und in den Ruin zu treiben. In dieser Aussage findet sich die bei homophoben Leuten häufig anzutreffende Paranoia, welche insbesondere beim Thema Adoption ins Unermessliche steigt. Bei diesem Thema konnten die anderen drei Gäste (Ralph Morgenstern, Lucy Diakovska und Stefan Kaufmann) jedoch gut kontern. Es widert mich jedesmal an, wenn stockkonservative Menschen die Ehe als die Zukunft unserer Gesellschaft preisen und als Basis für die Schöpfung neuen Lebens. Dieser Argumentation zufolge dürften Paare ohne Kinder und ohne Kinderwunsch überhaupt nicht die finanziellen Vorteile einer Ehe in Anspruch nehmen, da sie sich sonst nicht von homosexuellen/homoromantischen Paaren unterscheiden. Und hier kommen wir auch zu dem entscheidenden Punkt, der in all diesen Diskussionen gerne mal vergessen wird: Die Einführung einer Ehe für gleichgeschlechtliche Paare würde der Lebenspartnerschaft lediglich zwei Rechte hinzufügen, nämlich das Ehegattensplitting und das Adoptionsrecht. Beim Ehegattensplitting wird der Mittelwert der beiden Einkommen eines Paares ermittelt und dann versteuert. Wenn der eine 9000 Euro im Monat verdient, der andere nur 1000 Euro, werden die Steuern vom Mittelwert, also von den 5000 Euro, abgezogen. Der CDU-Politiker Stefan Kaufmann bemerkte dazu treffend, dass diese steuerliche Erleichterung eine sehr gute Sache für Familien ist, aber nicht pauschal ausgezahlt werden müsste. Wenn die Ehe hauptsächlich dem Schutz der Familie dienen würde, müssten steuerliche Vergünstigungen nach Kinderanzahl gehen und nicht nach der sexuellen Orientierung der Ehepartner_innen. Zumal es bereits Kinder in homosexuellen/homoromantischen Beziehungen gibt. Sind diese nicht würdig gefördert zu werden? Was für ein Signal gibt mensch diesen Kindern bitteschön mit dem Argument, die „traditionelle“ Familie und die in ihr lebenden Kinder müssen geschützt werden. Vor wem? Und sollte es nicht primär um die Kinder selbst gehen, ganz egal ob sie zwei Väter/zwei Mütter/einen Vater und eine Mutter/oder nur einen Elternteil haben? Das Adoptionsrecht wird abgelehnt mit der nicht nachweisbaren These des Bedürfnis eines Kindes nach Vater und Mutter. Auf welche Quellen stützen sich die Verfechter dieses Arguments? Der Kinderpsychiater Michael Winterhof erklärte der Zeit im Jahre 2012 das ein Kind nicht zwingend einen Vater und eine Mutter braucht, um alle wichtigen Voraussetzungen für ein gutes späteres Leben zu haben. Mir geht diese ganze Heuchelei dermaßen auf den Zeiger. Warum die Sache nicht beim Namen nennen? Gegner der Homoehe wollen nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare finanziell unterstützt werden und vor dem Fikus mit ihnen gleichgestellt sind, weil sie ja schließlich nicht Bibel-konform sind***. Die Bibel sagt vielleicht, dass eine Ehe aus einer Frau und einem Mann besteht, sie sagt jedoch nicht, dass diese steuerlich entlastet werden müssen. Zudem ist die Bibel immer ein furchtbares Todschlagargument. Warum ist es möglich, die Verfassung zu missachten, indem mensch sich auf eine „lose Sammlung orientalischer Sittengesetze aus der Bronze- und Eisenzeit“ beruft??? Und seien wir mal ehrlich: Das Adoptionsrecht möchten sie homosexuellen/homoromantischen Personen nicht gewähren, da „die Zahl der Adoptionswilligen die Zahl der zu adoptierenden Kinder bei weitem übersteigt“. Es ist ja schon blöd, wenn jahrelang andere Leute vorgezogen werden, aber wenn das dann auch noch nicht-heterosexuelle Menschen sind, ist der Spaß vorbei!

Wir leben in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit. Wenn mensch eine Abneigung gegenüber Homo(a)sexuellen verspürt, kann er das ruhig sagen. Wobei ich ganz klar unterscheide zwischen einer Meinung und Haltung gegenüber einer Bevölkerungsgruppe und dem aktiven Eintreten gegen den dieser Gruppe von Menschen zustehenden Rechten. Von mir aus können die Leute sagen, dass sie das „nicht richtig finden“, aber sollen bitte nicht auf die Straßen ziehen, um Menschen Rechte zu verweigern aufgrund ihrer persönlichen Abneigung. Fast genauso schlimm wie die Leute, die durch die Straßen mit ihren homphoben Botschaften ziehen, sind die vermeintlich toleranten Menschen, die stets betonen müssen, dass sie ja homosexuelle Freunde_innen haben und diese ja sooo nett sind. Generell finde ich es kurios, dass, sobald mensch einer Minderheit angehört, diese Minderheit für die Mehrheit das Charakteristikum schlechthin für diese Person wird. Sie ist dann nicht mehr der Mark oder die Linea, sondern der_die homosexuelle Freund_in.

Sind wir nicht alle Menschen? Warum rastet mensch aus, wenn Homosexuelle ihren eigenen Weihnachtsmarkt haben, zieht aber gleichzeitig eine juristische Trennlinie zwischen sich und „dem_r“ da. Wenn ich noch einmal eine Birgit Kelle sehe, die sagt, sie sei ja tolerant und liberal, aber……, dann sehe ich mich gezwungen,   ein Buch über Toleranz und Liberalität herauszubringen, damit diesen beiden Begriffen endlich ihre Würde zurückgegeben wird!

 

*Christiane Taubira hat sich als Justizministerin stark für die Gleichstellung homosexueller/homoromantischer Paare in Sachen Eheschließung eingesetzt und hat das Gesetz, welches unter dem Namen  „Mariage pour tous“ dem Volksmund bekannt ist, im Mai vergangenen Jahres durchgesetzt.  Das erste gleichgeschlechtliche Paar heiratete am 29.05.2013 in Montpellier. Das Gesetz ermöglicht  homosexuellen/homoromantischen Eheleuten auch die Adoption von Kindern.

**Ja, sie haben bestimmt auch homosexuelle Freunde_innen und finden die auch totaaaaal nett –  sprechen ihnen aber dennoch gewisse Rechte ab. So etwas nenne ich einen homophoben Hardliner. Möge mensch mich dafür ans Kreuze nageln.

***Es ist übrigens interessant wie fromm manche Menschen werden, wenn sie ihre irrationalen Meinungen mit der Bibel untermauern können.

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Über tschellufjek

In Bearbeitung ;)
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4 Antworten zu Deutschland und die „Homoehe“

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    Genau. „Ich hab ja nichts gegen die, aber …“
    Egal, was danach kommt: Der erste Halbsatz ist immer eine Lüge.

    • Isaac schreibt:

      Contrary, if one starts „I’m against, though…“, are they in favor? For instance, someone saying „I’m against abortion, though I tolerate it in the first trimester“ would agree with many people labeled pro-choice.

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        I wouldn’t call that one being in favour of something, actually. It’s an expression of tolerance, as is stated in the sentence.
        Also, I think it’s a thing of German nuances. If you say „nothing“, then add a „but prejudice/stereotype!“, you’re obviously contradicting yourself.

      • tschellufjek schreibt:

        The abortion-debate is a very complicated one because the protection of two lives are colliding. Someone can be in favour of an abortion in the first three months but against it after this period of time because then the „organism“ becomes the more and more human (to say it in a very simple and non-scientific way). Those people are not necessarily against the freedom of each woman to decide over her body! At the same time, people who are against gay marriage don’t have to be homophobic. You can be against an institution or against an interpretation without being automatically against the people themselves, you know what I mean? I’m for example not a fan of the catholic church but I don’t hate Christians.
        What you mean,perhaps, are phrases such as: „I don’t have anything against foreigners…but they are all criminals and come here to abuse our welfare system“. That’s the typical ohrase of a cowardly xenophobe.

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