Warum die Sichtbarmachung notwendig ist

Eine häufige Frage, der wir uns stellen müssen, ist die nach dem Sinn oder Zweck einer Sichtbarmachung von A_sexualität. Schließlich schütze die Anonymität vor Diskriminierung und Ausgrenzung, so die Meinung mancher Mitmenschen. Dies ist jedoch ein Irrglaube, der auf einem falschen Verständnis des erwünschten Resultats dieser Sichtbarmachung und einer ziemlich beschränkten Interpretation von Diskriminierung beruht. Die A_sexualität „sichtbar“ zu machen bedeutet nicht, mit einem T-Shirt durch die Gegend zu rennen, auf dem „Ich bin a_sexuell“ steht oder sich dies auf die Stirn zu tätowieren. Es geht bei der Sichtbarmachung nicht darum, die A_sexualität einer bestimmten Person sichtbar zu machen, sondern die bloße Existenz von A_sexualität beim Menschen der Gesellschaft bewusst zu machen. Wer vor einigen Jahren den Begriff  mal gegoogelt hat, ist höchstwahrscheinlich fast ausschließlich auf Artikel über die Tierwelt (Amöben z.B.) gestoßen. Dank der bisher erfolgten „Sichtbarmachung“ ist es uns gelungen, die A_sexualität in die Sparte „menschliche Sexualität“ zu rücken.  Nun gilt es, unsere sexuelle Orientierung zu entmystifizieren, sodass wir eines Tages keine Kreuzverhöre durchstehen müssen, wenn wir uns mal „outen“. Mein Leben besteht nämlich nicht nur aus Situationen, in denen ich anonym durch die Städte und Dörfer dieser Welt watsche, sondern auch ich pflege zwischenmenschliche Beziehungen. Wenn ich mit gewissen Personen häufiger zusammen bin, dann möchte ich mich nicht ständig verstecken müssen und vorgeben etwas zu sein, was ich nicht bin. Ich habe keinen Bock darauf, mir irgendwelche Geschichten ausdenken zu müssen, um ja zu verhindern, dass niemand mein Desinteresse an dieser ganzen Sache herausfindet. Natürlich müsste ich mich nicht einmal vor Freund_en_innen „outen“ (und häufig tue ich dies auch nicht), allerdings kann es manchmal eine ganz schöne Erleichterung sein, wenn Freund_e_innen davon wissen. Auf der einen Seite wissen diese dann Bescheid, dass ich bei gewissen Themen nicht mitreden und ihre Gefühle und Erfahrungen nicht nachvollziehen kann (und somit nicht die beste Ratgeberin bin) und auf der anderen Seite kann ich ganz offen über meine Erfahrungen und Eindrücke reden. Glücklicherweise habe ich einen sehr offenen und toleranten Freundeskreis und war bisher noch nicht vielen negativen Reaktionen  ausgesetzt.* Das Lesen von Artikeln und den dazugehörigen Kommentaren über A_sexualität hat mich jedoch mit der harten Realität konfrontiert.  Im Folgenden werde ich ein paar Missverständnisse aufzählen, die zu teils heftigen Reaktionen führen. Diese Missverständnisse gilt es mithilfe der Sichtbarmachung aus der Welt zu schaffen.

1. Manche glauben, der Buchstabe „a“  vor dem Begriff der Sexualität  stehe für „anti“ und wir wären radikale Verfechter_innen der Jungfräulichkeit, die verbissen gegen die sexuelle Freiheit kämpften. Dies ist natürlich starker Tobak. Das „a“ in „a_sexuell“ dient  als „Gegensatz-Präfix“**, so wie beim Wort „anormal“. Die meisten von uns haben überhaupt nichts gegen Sex*** und es ist in keinster Weise unser Anliegen, den Sex zu dämonisieren. Zudem ist es nicht unser Ziel, ein a_sexuelles Leben zu propagieren. Der Hauptadressat dieser Sichtbarmachung ist auch nicht die Gesellschaft an sich, sondern alle A_sexuellen, die mit ihrer Identität hadern. Leute, die von ihrem Umfeld und den Medien ständig suggeriert bekommen, dass Liebesbeziehung zwangsläufig Sex beinhalten (da sonst „nur“ Freundschaften ****) und ihre Empfindungen seltsam und inakzeptabel sind.

2. Ein weiterer Irrglaube ist der, dass  die Sexualität eines der wichtigsten Charakteristika der Menschheit ist. Oder anders gesagt: Bist du a_sexuell, fehlt dir die Menschlichkeit. Dies ist eine ganz perfide Form der Diskriminierung. Natürlich schreien mir die Leute nicht entgegen, dass ich kein Mensch sei. Aber wenn selbst Sexologen und ähnliche Spezialisten sich in Fernsehsendungen zum Thema Sex und Sexualität äußern und sagen, jeder Mensch sei sexuell und müsse behandelt werden, wenn er diese Eigenschaft verliere oder nie hatte, dann ist dies ziemlich verletzend all jenen Menschen gegenüber, die noch nie sexuell waren und damit auch keine Probleme haben/ die zwar sexuell in der Vergangenheit waren, nun aber glücklich a_sexuell leben. Warum die Leute nicht einfach so akzeptieren wie sie sind und sein wollen?

3. Aus Punkt 2 folgt ein falsches Verständnis von Fürsorge. Es gibt wenig Leute, die ohne Einwände bedingungslos meine A_sexualität akzeptieren. Häufig muss ich erst einmal eine Vielzahl an möglichen Diagnosen und Gründen für meine A_sexualität verneinen, damit das Gespräch dann am Ende mit einem „hmm“ beendet wird. Diejenigen, die diese Fragen stellen, haben wahrscheinlich gar nicht die Absicht, mich in irgendeiner Weise zu diskriminieren. Sie tuen es jedoch automatisch dadurch, dass sie mich nicht so anerkennen wie ich bin. Selbst wenn ich in meiner Kindheit/Jugend vergewaltigt geworden sein sollte oder schlechte Erfahrung gemacht hätte, wäre dies völlig irrelevant. Entscheidend ist, ob ich mich jetzt mit diesem Label wohlfühle oder nicht. Wäre ich in meinem bisherigen Leben sexuell gewesen oder hätte schlechte Erfahrungen mit dem Thema Sex gemacht, worunter ich nach wie vor leide, dann wäre eine Therapie eventuell angebracht. Habe ich jedoch kein Problem damit, a_sexuell zu sein, ist meine Vorgeschichte völlig wurscht.

4. Es kann gar nicht oft genug erwähnt werden: Die A_sexualität basiert nicht auf einer Entscheidung. Sie ist kein Zölibat, keine Enthaltsamkeit. Wir fühlen uns nicht besser/reiner/xyz, weil wir keinen Sex haben. Ein Großteil der Arbeit hinter der Sichtbarmachung besteht darin, der Gesellschaft die „Angst“ vor uns zu nehmen bzw. sie zu beruhigen, indem wir den Status quo der Sexualität in der heutigen Zeit im Großen und Ganzen verteidigen, solange er nicht auf unsere Kosten geht.

5. Schließlich kommen wir zu dem Punkt der Diskriminierung. Ich habe ja bereits in den vorangegangenen Punkten diese ein wenig aufgegriffen. Unsere Bestrebungen, die A_sexualität im Volksmund bekannt zu machen, werden häufig mit dem Satz quittiert: „Warum, ihr werdet doch nicht diskriminiert!“. Das dies falsch ist, habe ich ja bereits ein wenig erklärt. Ich möchte hier jedoch hinzufügen, dass es für mich keine schwerwiegendere Form von Diskriminierung gibt als die völlige Nichtakzeptanz der Identität bzw. der sexuellen Orientierung einer Person. Wenn sich heute eine homosexuelle Person „outet“ fragt mensch (für gewöhnlich) ja auch nicht mehr, ob diese schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht hat oder vergewaltigt worden ist etc. Darüber hinaus ist es ein Irrglaube, eine vergewaltigte Person verzichte in ihrem weiteren Leben auf Sex oder habe diesen nur mit Personen des anderen Geschlechts.

Eine „wohlmeinende“ bzw. „positive“ Diskriminierung finde ich generell am schlimmsten. Ich kann viel besser mit Beleidigungen umgehen als mit Leuten, die mir 50 Ratschläge und Diagnosen geben. Ich habe die Hoffnung, dass eine verstärkte Sichtbarkeit mir diese Reaktionen irgendwann ersparen wird. Natürlich bin ich nicht naiv und ich denke, dass es noch Jahrzehnte (oder ewig) dauern wird, bis jeder Mensch auf dieser Welt so sein kann wie er ist, ohne diskriminiert zu werden. Solange dies der Fall ist, ist eine „Community-Bildung“ nahezu unvermeidbar. Jeder Mensch braucht Bestätigung und Unterstützung sowie Orte und Kreise, an/in denen er sich so geben kann wie er ist. Daher betone ich zum Schluss noch einmal, dass der Hauptadressat dieser Sichtbarmachung die A_sexuellen selbst sind.

* Ich muss hinzufügen, dass ich mich auch nur vor ausgewählten Freund_en_innen „geoutet“ habe, bei denen ich wusste, dass dies kein Drama werden wird.

* Dies ist kein linguistischer Fachbegriff, sondern ein von mir erstellter Neologismus.

** Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit führt nicht zwangsläufig zu einem toleranten Verhalten anderen Bevölkerungsgruppen gegenüber.

*** Eine Devalorisierung der Freundschaft, die viele A_sexuelle auf die Palme bringen dürfte.

Advertisements

Über tschellufjek

In Bearbeitung ;)
Dieser Beitrag wurde unter Asexualität/Queeres abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Warum die Sichtbarmachung notwendig ist

  1. Erst einmal ein wenig sprachliche Klugscheißerei:
    Dämon und dämonisieren schreibt man im Deutschen mit ä (warst eindeutig zu lange in Frankreich 🙂 )
    Der Fachbegriff für das a- als “Gegensatz-Präfix” ist Alpha privativum. Allerdings weiß ich nicht recht, ob das a- in „asexuell“ tatsächlich als solches bezeichnet werden kann, das Wort bedeutet ja nicht „nicht sexuell“ sondern „zu keinem Geschlecht (sexuell) hingezogen“ (so wie „homosexuell“ „zum gleichen Geschlecht hingezogen“ bedeutet). Ist ein Missverständnis, auf das ich bei der Öffentlichkeitsarbeit ab und an stoße, manchmal verstehen die Leute, „asexuell“ bedeute „keine Sexualität habend“ und sagen dann, das gehe doch gar nicht, jede_r habe irgendeine Form der Sexualität etc. etc.
    Ansonsten: Oui, c’est ça. Am besten gefiel mir der Satz „Es geht bei der Sichtbarmachung nicht darum, die Asexualität einer bestimmten Person sichtbar zu machen, sondern die bloße Existenz von Asexualität beim Menschen der Gesellschaft bewusst zu machen.“ Das kommt nämlich auch häufiger vor, dass Leute (durchaus auch andere Asexuelle) z.B. anlässlich von Infoständen fragen „Warum stellt ihr euch da hin und outet euch vor irgendwelchen fremden Leuten?“ Dabei geht es ja gar nicht darum, dass wir uns persönlich zu unserer Asexualität „bekennen“, sondern wir wollen auf die Existenz von Asexualität an sich aufmerksam machen (und bei einem Stand ist es eben nötig, dass sich konkrete Menschen da hinstellen, wir können ihn ja nicht von Androiden betreuen lassen 😉 ).
    Und ach ja, die „wohlmeinende Diskriminierung“… so etwas kann einen echt schaffen, habe ich auch selbst schon erlebt. Mir fällt in diesem Zusammenhang der englische Begriff „concern trolling“ ein, ich glaube, den hat swankivy mal in einem ihrer Videos verwendet.

    • tschellufjek schreibt:

      Oups, das korrigiere ich dann mal schnell 🙂
      Hmm, ich unterscheide zwischen „nicht sexuell“ und „keinen Sex habend“. Wenn Aces/Askas 😉 Sex haben, dann meistens aus Neugierde heraus oder dem_r „sexuellen“ Partner_in zuliebe. Sie sind daher körperlich dazu in der Lage, aber nicht unbedingt sexuell. Sexuell ist für mich jemand, der von sich aus die Lust verspürt, Sex zu haben (ohne dabei eine starke emotionale Bindung zu der anderen Person aufgebaut haben zu müssen). Sprachlich gesehen finde ich diese ganzen Begrifflichkeiten aber eh ein wenig schwierig zu handhaben und daher eine Diskussion wert.

      Alpha privativum klingt wie eine Actionfigur 🙂 Vielen Dank für deine linguistische Intervention!

  2. Jetzt verstehe ich besser, wie du das mit „nicht sexuell“ meinst. Wir kommen da im Grunde von zwei Seiten an der gleichen Stelle an.
    Der Plural von „Aska“ ist übrigens „Aski“.
    Alpha privativum eine Actionfigur? Für mich ist das ein ganz normales Wort… Einige sprachwissenschaftliche Fachbegriffe finde ich zum Totlachen, dieser geht für mein Gefühl noch.

  3. Carmilla DeWinter schreibt:

    Ja, die Diskriminierung. Zugegeben ist sie gegen uns noch nicht, wie die gegen andere queere Menschen, institutionalisiert. Aces werden wahrscheinlich von vielerlei Diskriminierung mitgetroffen, die sich allgemein gegen queeres Volk wendet, sei es wegen gender-nonkonformen Auftretens oder des Verdachts, dass eins homosexuell sei, etc.

    Ich gehe davon aus, dass, sobald sich ein gefährliches Halbwissen verbreitet hat, wir diese Sache mit dem „roboterhaften“, nicht-menschlichen Empfinden noch richtig böse ausbaden müssen.

    Diese Sache mit dem Schutz der Anonymität ist im Übrigen victim-blaming der übelsten Sorte, wie das Asexuality Archive letztens erörterte. (http://www.asexualityarchive.com/the-comment-section-nothing-bad-happens/) Genauso gut könnte eins behaupten, Schwarze Menschen müssten bloß genug Bleichcreme verwenden, um der Diskriminierung zu entgehen. Der Punkt ist aber, dass die Diskriminierung verschwinden muss, nicht diejenigen Personen, die diskriminiert werden.

    • tschellufjek schreibt:

      Deine erste Bemerkung wollte ich ursprünglich auch erwähnt haben in dem Post, wusste aber nicht so ganz, wie ich dies elegant mit dem Rest verknüpfen könnte. Es bietet auf jeden Fall genügend Stoff für einen eigenen Blogeintrag!

      Ja, die Befürchtung teile ich. Und da wird es dann noch wichtiger sein, sich öffentlich zu zeigen und die Leute vom Gegenteil zu überzeugen…

      Absolut! Vielen Dank für den Link!

  4. Jürgen schreibt:

    Ein toller Text darüber, weshalb Sichtbarmachung notwendig ist. Und den Schluss kann ich so nur unterschreiben: „Jeder Mensch braucht Bestätigung und Unterstützung sowie Orte und Kreise, an/in denen er sich so geben kann wie er ist. Daher betone ich zum Schluss noch einmal, dass der Hauptadressat dieser Sichtbarmachung die Asexuellen selbst sind.“

  5. Pingback: Asexualität braucht Aktivismus | tschellufjek

  6. Pingback: Guess who won an Award… :) | tschellufjek

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s