Asexualität in den deutschen Medien – Teil 3

Im dritten Teil dieser Serie stelle ich euch zwei  Artikel  sowie eine Sendung von Deutschlandradio Wissen vor.

Der erste Artikel ist im Ratgeber „Sexualität“ des Focus Online zu finden und besteht aus zwei Teilen, von denen einer allgmein über Asexualität berichtet, der andere ein konkretes Beispiel vorstellt. Wer diese Seite konsultiert achte bitte auf die rechte Leiste. Die meistgelesenen Artikel in diesem Ratgeber tragen Titel wie „Männer: Die ganze Wahrheit über den Penis“ oder „Test: Sind Sie sexsüchtig?“. Mein absoluter Lieblingstitel ist allerdings „Kamasutra mit Kondom: Vorsicht beim Rentnersex“. Das fetzt! Links vom Artikel sind dann noch zwei weitere Themen aufgelistet mit den Titeln „Liebesleben: Sexmythen entlarvt“ und „Test: Sind Sie ein Sexexperte?“. Diese Anordnung finde ich herrlich: Die Asexuellen umzingelt vom Thema Sex. Wir sind ein wenig eingequetscht zwischen all diesen Themenblöcken. Schöner kann unsere verzwickte Lage im Alltag nun wirklich nicht veranschaulicht werden! Nun gut, inspizieren wir den Artikel! Zunächst fällt mir auf, dass wir in der Einleitung ziemlich mysteriös rüberkommen:

In epidemiologischen Studien traten sie immer nur als unbekannter Faktor auf […]

Jetzt erfährt man langsam mehr über sie […]

Titelvorschlag für einen Sat1-Film: „Asexuelle – Sie sind mitten unter uns“. Ich habe sogar schon den Trailer im Kopf. Jemand interessiert?

Ein weiterer Satz, der mich zum Schmunzeln brachte, war dieser hier:

[…] David Jay, einer der ersten Asexuellen, der sich öffentlich stolz outete […]

Interessant was die Focus-Redaktion unter einem stolzen Outing versteht, aber gut. Die Informationen, die in der Folge gegeben werden, sind richtig und gut angeordnet. Wenn ich von einer guten Anordnung spreche, so meine ich damit, dass zu Beginn des Artikels keine Verwirrung erzeugt wird und den Anfangsaussagen nicht im Verlaufe des Textes widersprochen wird (so wie es häufig der Fall ist bei Artikeln über Asexualität). Der erste Teil des Artikels ist nur sehr kurz und bringt kurz und knackig die wichtigsten Informationen auf den Teller. Wer nach tiefgründigeren Informationen aus ist, findet hier nicht viele Antworten. Für eine erste Einführung ins Thema ist dieser Artikel allerdings sehr gut geeignet.

Der zweite Teil präsentiert die Asexualität anhand des Beispiels der 28jährigen Manuela, die berichtet, wie sie ihre „sexuelle Identität“ gefunden hat und wie sie mit dieser in Beziehungen umgeht. Hier haben wir endlich das Beispiel einer Asexuellen, die bereits in einer glücklichen Beziehung mit einer sexuellen Person war, in der Sex nicht Teil des Kompromisses war*. Dies finde ich deshalb so erwähnenswert, als es für mich sehr aufmunternd ist nach all den anderen Artikeln und Beiträgen über das Thema, die ich in letzter Zeit konsultiert habe. Selbst wenn dies vielleicht ein minoritärer Fall ist, halte ich solche Beispiele für wichtig, um sowohl sexuellen als auch asexuellen Menschen zu zeigen, dass eine gemischte (sexuell/asexuell) Beziehung durchaus erfolgreich sein kann und es einen Versuch wert ist. Ich feiere den Exfreund von Manuela für seine ungewöhnliche Reaktion:

„Ich sagte ihm gleich zu Anfang, dass ich asexuell bin.“ Das sei für ihn kein Problem, denn er habe zwei gesunde Hände, entgegnete er völlig unkompliziert.

Der zweite Artikel enstammt dem Freiburger Nachrichtenmagazin Fudder und wurde vor 3 Jahren publiziert. Informationen über die Asexualität werden hier anhand eines Einzelbeispiels gegeben, was mich zunächst stutzig machte. Im Großen und Ganzen finde ich den Artikel jedoch durchaus gelungen, da die zu Wort kommende Frau mit viel Humor so nahezu alle Probleme von Asexuellen widergibt und uns dabei super Tipps für Reaktionsmöglichkeiten gibt. Zudem bemüht sich der Artikel möglichst viele Formen der Asexualität abzudecken.

Wie bei vielen anderen Artikeln auch, beginnt auch dieser hier holprig. So lautet der Untertitel:

Dorothea aus Freiburg hat kein Interesse an knutschen, fummeln und vögeln, an der angeblich „schönsten Nebensache der Welt“. Die 28-Jährige ist asexuell.

Zwar wird hinterher im Zwischentitel verlautet, dass asexuell nicht gleich aromantisch ist, aber ich verstehe nicht ganz, warum das Wort „aromantisch“ nicht direkt miterwähnt wird. Bekanntlich bleibt das erste Bild, welches wir uns von einer Person machen, in unserem Kopf verankert. Das Bild von einem_r Asexuellen, welches hier direkt zu Anfang vermittelt wird, ist das eines_r aromantischen Asexuellen. Eine weitere Aussage, die der Komplexität der (A)sexualität nicht gerecht wird, ist folgende:

Wenn man asexuell ist, ist das jedoch ein dauerhafter Zustand. Es geht nicht um Angst oder um die vergebliche Suche nach dem richtigen Partner, es geht um das permanente Nicht-Wollen von Sex.

Zunächst einmal ist keine Sexualität ein dauerhafter Zustand. Genügend Beispiele zeigen, dass die sexuelle Orientierung sich im Laufe eines Lebens verändern kann. Und die Aussage, es ginge um „das permanente Nicht-Wollen von Sex“ schließt Gray-Asexuelle und Demisexuelle aus.

Ab dem Zwischentitel „Asexuell bedeutet nicht aromantisch“ wird der Artikel allerdings sehr gut.

Was ‚asexuell‘ genau bedeutet lässt sich so wenig eingrenzen, wie das bei jeglicher anderen sexuellen Ausrichtung auch der Fall sein sollte.

Warum wurde dies dann vorher gemacht? Aber egal!

Asexualität bedeutet tendenzielles bis absolutes Desinteresse an sexuell gearteter Interaktion. Es gibt Asexuelle, die wollen gar nicht, andere, die haben mit Knutschen keine Probleme, welche, die mit ihrem Partner schlafen würden, aber nicht unbedingt heiß drauf sind, und so weiter.

Warum wurde also vorher von einem „permanenten Nicht-Wollen von Sex“ gesprochen???

Was diesen Artikel lesenswert macht, sind die interessanten Gedanken, die sich die junge Frau über die teils heftigen Reaktionen der Umwelt auf das Thema macht.

Asexualität ist vielleicht die letzte verbliebene durchgängige Provokation. Ich will damit nicht sagen, dass überall Toleranz und Akzeptanz für alle wieauchimmer gearteten romantischen und sexuellen Konstellationen und Formen herrscht – im Gegenteil – aber das Geständnis, dass man an Sex in jeder Form kein Interesse hat, kann selbst in den offensten Kreisen auf Unverständnis stoßen.

Diese Einschätzung teile ich bedingungslos! Zudem führt sie ein, meiner Meinung nach, großes Problem unserer „Community“ an:

Selbst bei Menschen, die sich als „queer“ identifizieren, bei denen jegliche Form der Partnerschaft als selbstverständlich hingenommen wird (wie es von allen getan werden sollte) kann man als Asexuelle_r auf Unverständnis, beziehungsweise Reaktionen wie „Aber das ist doch schade für dich“, stoßen.

Ich weiß, dass es innerhalb der Aven-Community Skeptiker_innen diesbezüglich gibt, aber ich bin für eine Eingliederung in die LGBTQ-Community. Was bringt es, wenn alle Minderheiten ihren eigenen Kampf führen? Zudem haben die einzelnen LGBTQ-Organisationen bereits viel Erfahrung auf dem Gebiet der Sichtbarmachung und der mentalen Unterstützung ihrer Mitglieder. Warum also komplett neue Strukturen entwickeln? Dies ist mühsam und wenig hilfreich. Zudem sind einige von uns homo/pan/biromantisch, sodass es so oder so eine Überschneidung zwischen unseren Communities** gibt.

Genial ist übrigens die Überlegung der 28jährigen Asexuellen bezüglich den möglichen Gründen hinter diesen heftigen Reaktionen, die dazu führen, dass wir häufig in ein halbstündiges Kreuzverhör genommen werden:

Beim Überlegen, was daran so „gefährlich“ wirkt, warum Asexualität so vehementen Unglauben und Nicht-Akzeptanz erfährt, kam ich zu folgender Überlegung: Sexualität wurde Jahrhunderte lang von der Kirche verteufelt, es war etwas Schmutziges und Niederes, dem sich die „wahrhaft Reinen“, sprich: Nonnen, Mönche und die Mutter Maria, entzogen. Dann kam die große sexuelle Revolution, alle, wirklich alle waren frei und gemeinsam „Niedere“. Wenn man da als Asexuelle_r sich entzieht, beziehungsweise einfach „naturgegeben“ außen vor steht und „nicht mitmachen“ will, kommt vielleicht der Verdacht auf, dass man sich als die letzte Mutter Maria sieht und nur nicht wahrhaben will, dass man genauso „Bedürfnisse“ hat wie alle anderen: dass man sich arrogant über die anderen stellt.

 

Ich denke, dass solche Überlegungen uns eventuell helfen können, besser zu reagieren und mit gewissen Reaktionen umzugehen.

Hier noch mal ein Punkt, den ich in vielen Posts bereits angesprochen habe:

Manche Leute mögen den Anblick von Spinnen nicht, ich nicht den von Zungenküssen, aber die Spinnen-Phobie ist nicht negativ belegt, sondern wird in jedem Alter als fast „normal“ angenommen.

Wir tolerieren und akzeptieren immer nur das, was wir selbst nachempfinden können. Eine Spinnenphobie ist nichts Ungewöhnliches, wohl aber eine Hundephobie zum Beispiel. Wenn ich Herzrasen bekomme, wenn ein Hund in meiner Nähe ist, werde ich ausgelacht oder mir werden irgendwelche beruhigenden, aber nicht ernst gemeinten, Worte entgegengebracht („Der tut nichts. Der ist ganz lieb“). Und wenn mich dann ein Hund anspringt und ich kurz vor einem Herzinfarkt stehe, dann kommt stets der Satz: „Der will nur spielen“. Wer sagt denn, dass ich um Himmels willen mit dem Hund spielen will? Ich werde nicht gefragt. Kurz gesagt: Angst vorm ersten Sex zu haben, gilt als normal. Dies ist anscheinend eine von der Allgemeinheit geteilte Erfahrung. Gar keinen Sex zu wollen, ist nicht normal, da es nicht der Erfahrung bzw. der Einstellung der meisten Menschen, der Norm, entspricht. So wie meine Angst vor Hunden! Wir leben in einer individualistischen Gesellschaft, aber der Individualismus spielt sich auch nur in bestimmten Grenzen ab, Grenzen, die von einem Kollektiv aufgestellt werden.

Bevor ich nun zu dem Beitrag vom Deutschlandradio Wissen komme, möchte ich hier zwei sehr gelungene Sätze des Artikels zitieren:

Ich kann Probleme mit meinem Körper haben UND völlig zusammenhangslos asexuell sein, wirklich! Ansonsten müssten im Umkehrschluss ja alle Sexuellen ihre Körper total super finden. Wer fühlt sich angesprochen

„Öhhhh…ich hab noch nie mit jemandem geschlafen. Bin asexuell.“ Das unvermeidliche „Echt?“ lässt sich noch mit „Ja“ beantworten, „Warum?“ mit der Gegenfrage „Warum bist du heterosexuell?“.

Der Artikel schließt ab mit einer Überlegung zur Notwendigkeit einer größeren Diskussion über Asexualität:

Der Streit um Anerkennung – oder überhaupt erstmal Wahrnehmung – von Asexualität lässt sich schwerlich auf der Straße führen. Es gibt kein Gesetz (mehr, in Deutschland), das einen zum Sex zwingt, oder das einem im öffentlichen Raum das Leben schwer macht. Eine größere Diskussion um Asexualität allerdings wäre hilfreich, um Diskussionen abzukürzen und zu realisieren, dass selbst auf den größten Glaubens-Fundamenten nicht absolut jeder Mensch draufsteht. Letzten Endes wird dieser Streit eher im Schlafzimmer und in Kneipen geführt wird.

Der dritte Beitrag über Asexualität, den ich hier vorstellen möchte, ist ein ziemlich aktueller Radiobericht von Deutschlandradio Wissen mit dem Titel „Eine Stunde Liebe: Keine Lust auf Sex! Ehrlich“.    Das hinterhergeschobene „ehrlich“ finde ich klasse, da es kurz und bündig dieses ständige Nachbohren bei diesem Thema darstellt. Der Beitrag beginnt mit einer Straßenumfrage und einer Umfrage auf den sozialen Netzwerken, bei der lustige („Ich vesteh diese Leute nicht“; „Irgendwann halten die das auch nicht mehr aus“) bis erschreckende Reaktionen („Dann würde ich nicht mehr leben wollen“) zu Tage treten. Anschließend folgen ein paar allgemeine Informationen über Asexualität wie beispielsweise die geschätzte Anzahl von Asexuellen in dieser Welt. Ein grauenhafter Fehler bei dieser Information wird in der zweiten Minute gemacht. So sagt die Moderatorin, dass Asexualität auch bedeutet, kein Bock auf Knutschen zu haben. Seit wann ist denn Knutschen Teil der Sexualität?? Gut ist jedoch die Erwähnung, dass nicht alle asexuell lebenden Menschen auch asexuell sind. So sagt die Moderatorin, dass Leute, die im Laufe der Jahre aufgrund von Krankheiten beispielsweise ihre Libido verlieren, vorher sexuelle Menschen waren, die durch die Krankheit gezwungenermaßen asexuell werden. Dies ist zu unterscheiden von den an sich asexuellen Menschen, die zuvor noch nie sexuell waren. Oder, wie die Moderatorin es ausdrückt: Wir sind gesund und haben von Natur aus keinen Bock auf Sex.

Des Weiteren wird erwähnt, dass Asexualität kein neues „Phänomen“, wohl aber ein relativ neues „Thema“ ist. Asexuelle haben auch in der Vergangenheit existiert, sind allerdings erst in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit getreten. Zudem wird erwähnt, dass Asexualität bereits in den 1950er Jahren in der Wissenschaft erwähnt wurde, sie jedoch nicht weiter beachtet wurde.

Eine häufig erwähnte Information in Artikeln über Asexualität ist die, dass es mehr asexuelle Frauen als Männer gibt. Dies halte ich jedoch für fragwürdig, da in diesen Umfragen viele Asexuelle sich als agender, neutrois oder genderfluid bspw. bezeichnen. Es ist also durchaus möglich, dass nur mehr Frauen in der Asexuellen-Community cisgender sind.

Ab Minute 4 folgt dann ein Interview mit Kati, welche uns bereits aus dem Zeit-Artikel bekannt ist. In diesem Interview erzählt sie ein wenig über ihre Beziehung mit ihrem nicht-asexuellen Partner und allgemein über ihre Erfahrungen als Asexuelle in einer sexuellen Welt 🙂 Ich werde mich auf diese Information beschränken, in der Hoffnung, dass ihr euch das Original mal zu Gemüte führt. Ich kann es nur empfehlen!

Und mit diesem langen Post wünsche ich euch ein wunderschönes und hoffentlich sonniges Wochenende! Profitez-en bien!

*In manchen gemischten Beziehungen gehen Asexuelle den Kompromiss ein, ab und an mit ihrem_ihrer Partner_in Sex zu haben.

** Wer ein anderes Wort als Community für mich hat, sage mir bitte Bescheid. Aus irgendeinem Grund mag ich es nicht.

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5 Antworten zu Asexualität in den deutschen Medien – Teil 3

  1. Mein Hauptproblem mit dem Focus-Artikel liegt in diesem Absatz:
    In epidemiologischen Studien traten sie immer nur als unbekannter Faktor auf: diejenigen, die keinen Sex haben. „Zehn Prozent haben demnach mindestens ein Jahr keine sexuelle Erfahrung gemacht, ein bis zwei Prozent sogar noch nie“ […]
    Asexuell sein ist also gleichbedeutend mit keinen Sex haben… oh, oh.
    Irgendwann kam das auch mal in einem Fernsehbeitrag vor, da sagte dann so ein Wissenschaftlerheinz „Zehn Prozent der Menschen hatten schon seit einem Jahr keinen Sex mehr.“ und ich dachte „Was hat das jetzt mit Asexualität zu tun?“

  2. Carmilla DeWinter schreibt:

    Ja ja, die Experten. Für mein Interview mit der Apotheken-Umschau online verriet mir der junge Mann ganz offen, dass er noch auf der Suche nach einem Sexologen sei … offenbar hat er sich den ersten Forscher gegriffen, der Zeit hatte, und der hatte gewiss keine Zeit, sich einzuarbeiten.

    • tschellufjek schreibt:

      So läuft der heutige Journalismus…

      Ging es denn in dem Interview mit der Apotheken-Umschau um Asexualität oder um pharmazeutische Themen?

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Nee, das war schon Asexualität. Wenn du bei den Tags „Apotheken-Umschau“ anklickst, sollte sich der Link zu dem betreffenden Artikel finden, sofern der noch online ist.

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