Big Bad Wolves – Schocktherapie nach israelischer Art

Bevor ich ins Kino gehe, lese ich mir für gewöhnlich nur ein kleine Inhaltsangabe des anvisierten Films durch, um zu schauen, ob das Thema mich interessiert. Ansonsten versuche ich so wenig informiert über die Handlung wie möglich zu sein, um keine genauen Erwartungen an den Film stellen zu können. Und so ging ich nichts ahnend am Dienstagabend in die Vorstellung des israelischen Thrillers Big Bad Wolves.

Hier eine kleine Zusammenfassung des Films von Moviepilot:

In Big Bad Wolves steht ein potentieller Serienkiller im Kreuzfeuer eines racheerfüllten Vaters, und eines Polizisten.

Ein Mädchen verschwindet in den Wäldern und wird kurz darauf ohne Kopf wiedergefunden. Sie ist eines der Opfer einer Serie brutaler Kindsmorde, die in einer Kleinstadt drei Männer zusammenführt: Der rachedurstige Vater des letzten Opfers (Tzahi Grad), ein Polizist (Lior Ashkenazi), der sich abseits des offiziellen Protokolls Straftäter zur Brust nimmt, und der Hauptverdächtige (Rotem Keinan). Der unscheinbare Religionslehrer wurde zuvor von der Polizei festgenommen, aber wieder freigelassen.

Polizist Miki hofft ein Geständnis aus dem verdächtigen Dror rausprügeln zu können. Die Aktion mit den bezahlten Schlägern geht aber nach hinten los, denn sie landet als Video zum Thema Polizeigewalt in den israelischen Medien und Miki wird gefeuert. Weder er noch der Vater des kleinen Mädchens haben nun noch etwas zu verlieren. Bei der geplanten Entführung und Folterung des Hauptverdächtigen bleibt nur die Frage, ob er es wirklich war und wenn ja, wieweit Selbstjustiz gehen kann…

Insbesondere das Thema Selbstjustiz finde ich sehr interessant und habe mir aus diesem Grund diesen Film für meinen allwöchentlichen Kinotag ausgesucht. Die Zusammenfassung versprach viel: Pädophilie, Selbstjustiz, ein gewalttätiger Polizist und ein verzweifelter rachelüsternder Vater. Ich vermutete demzufolge natürlich Gewaltszenen in dem Film, meine Vorstellungen von solchen Szenen waren jedoch Meilen entfernt von der Gewalt, die letztendlich gezeigt wurde. Nach 4 Staffeln Game of Thrones war ich mir relativ sicher, so ziemlich alles schon gesehen zu haben: Ausgequetschte Augen, Vergewaltigungen, Massaker, das Verspeisen eines Herzens und so weiter. Obwohl die Folterszenen aus diesem Film nicht viel schlimmer erscheinen als die Folter- und Gewaltszenen in Game of Thrones, war ich dennoch geschockter von den Szenen in Big Bad Wolves. Dies liegt vermutlich daran, dass dieser Film in der realen Moderne spielt und den_die Zuschauer_in mit einer brisanten Frage konfrontiert: Würden wir der Justiz vertrauen, wenn eine uns sehr nahestehende Person (in diesem Falle die Tochter) brutal ermordet wird und der  in unseren Augen hunderprozentig Schuldige noch frei herumläuft? Oder  würden wir selbst zur Waffe greifen? Wenn ja, machen wir kurzen Prozess mit dieser Person  oder wollen wir diese leiden sehen ?

Dieser Film zeigt den Menschen von seiner rein emotionalen Seite. Auf der einen Seite wird uns ein vermeintlich pädophiler Lehrer präsentiert, der von Polizisten in einen Hinterhalt gelockt und dann jämmerlich verprügelt wird, ohne dass auch nur ein Beweis für seine Schuld vorliegt. Mit noch weitaus schlimmeren Methoden versucht dann der Vater des getöteten Mädchens diesem jungen Mann ein Geständnis zu entlocken. Die Umsetzung ist hierbei so gelungen, dass ich Mitleid und Sympathie für beide Seiten empfand. Obwohl ich Folter und generell Gewaltakte verurteile und der Meinung bin, dass niemand eine solche Behandlung verdient*, konnte ich dennoch die Beweggründe des Vaters nachvollziehen und empfand seine Handlungen als durchaus menschlich. In einer solchen Situation ist für gewöhnlich Schluss mit Ethik und Moral. Was folgt ist das Prinzip „Reiz – Reaktion“.  Das Chaos, das daraus folgt, wird wunderbar gen Ende des Films veranschaulicht.

Die einzelnen Foltersequenzen sowie die durch den Film ausgelösten Reflexionen werden mich vermutlich noch eine ganze Weile begleiten.

Big Bad Wolves ist auf jeden Fall nichts für schwache Gemüter. Kinoästheten** und Fans des denkanstoßenden Kinos werden hier jedoch auf ihren Geschmack kommen.

* Insbesondere dann nicht, wenn seine Schuld nicht bewiesen ist.

** Sowohl das Setting als auch die musikalische Untermalung einzelner Szenen sind bombastisch!

 

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