Asexualität in den deutschen Medien – Teil 1

Auch wenn sich seit einigen Jahren viel getan hat in der medialen Berichterstattung über Asexualität, hält sich die Gesamtheit der Artikel und Beiträge über diese sexuelle Orientierung dennoch in Grenzen. Zudem sind einige Informationen mit Vorsicht zu genießen. Es gibt kaum einen Artikel, der die Asexualität von Beginn an in ihrer ganzen Bandbreite darstellt. Einzelne interviewte asexuelle Personen werden häufig als repräsentativ für die gesamte Gemeinschaft von Asexuellen präsentiert, ohne dass dabei allgemeine und relativierende Informationen gegeben werden. In diesem ersten Teil meiner „Analyse“ zur medialen Präsentation von Asexualität in Deutschland, stelle ich euch im Folgenden zwei Artikel vor, die beide ein paar wichtige Informationen zu dem Thema enthalten, allerdings auch viele Missverständnisse erzeugen.

Ein relativ gelungener Artikel wurde im September 2012 im Spiegel  veröffentlicht. Der erste Abschnitt lässt zunächst befürchten, dass dieser an die vielen vereinfachten, die Realität nicht annähernd korrekt darstellenden und klischeebehafteten Artikel anknüpft, die der Asexualität bisher gewidmet worden sind. Auch wenn die Verfasserin dieses Textes einige Male Romantik und Sexualität durcheinanderwirbelt, schafft sie es dennoch durch die Einbeziehung einer „Expertenmeinung“ und durch einzelne Ergänzungen, diese Fehler zu relativieren. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass dieser Artikel bei Leuten ohne jegliche Vorkenntnisse Verwirrung stiftet. So ist es, meiner Meinung nach, ein großer Fehler, einen Artikel, welcher im Titel (Asexualität: Keine Lust -nie) eine universelle Behandlung des Themas verspricht, mit einem konkreten Beispiel anzufangen. Wie ich bereits in meinen bisherigen Posts bezüglich dieses Themas geschrieben habe, ist die asexuelle „Gemeinschaft“ nicht homogen (so wie alle anderen Gemeinschaften auch). Während Sarah Wenger nicht gerne küsst und geküsst wird, sich keine Sexszenen anschauen kann und den Geschlechtsverkehr  als Form der Intimität ablehnt, gibt es andere Asexuelle, die gerne küssen, sich ganz entspannt Sexszenen anschauen können und den Geschlechtsverkehr in Erwägung ziehen. Dies sollte dann auch zu Beginn gesagt werden, damit der Erfahrungsbericht von Sarah Wenger als ein persönliches Beispiel verstanden werden kann. Allgemein halte ich diesen Artikel jedoch für gelungen, da es ihm sehr gut gelingt, dem_der Leser_in deutlich zu machen, warum die Benennung einer Andersartigkeit wichtig und befreiend sein kann. Denn dies ist immer ein Punkt, der selbst von offenen und toleranten Leuten nicht wirklich verstanden wird. Ich hatte bisher bei meinen „Coming-Outs“ nie mit einer feindseligen Haltung zu tun, allerdings habe ich häufig bemerkt, dass die jeweiligen Personen zunächst versucht haben, mögliche Gründe für meine Asexualität zu finden oder mich fragten, warum ich denn so ein Label bräuchte. Schließlich hätte jeder seine Präferenzen und wenn ich „einfach“ keinen Sex haben möchte, dann ist es halt so. Schön wär’s 🙂 Und von einer gewissen Perspektive aus gesehen ist es ja auch sehr einfach, solche wohlmeinenden Sätze von sich zu geben. Ich habe bisher leider nie gefragt, ob sie selbst dies einfach so hinnehmen würden, wenn sie das Objekt meiner Begierde wären. Naja, beim nächsten Mal! Über Labels und ihre Bedeutung(en) werde ich bei Gelegenheit noch einen eigenen Post schreiben. Ein Satz, der mir sehr positiv in dem Artikel auffiel und den ich hier gesondert erwähnen möchte, ist folgender:

„Auch wenn physisch keine Libido empfunden wird, gehe es doch darum, ob es einen Leidensdruck gibt oder nicht.“

Dies ist ein sehr wichtiger Punkt, den viele Menschen – darunter auch viele Sexologen – nicht verstehen.  Natürlich gibt es sexuelle Störungen, unter denen manche Menschen leiden. Diese sollten auch durchaus behandelt werden. Allerdings sollte eine Behandlung nur dann erfolgen, wenn die jeweilige Person dies für notwendig erachtet. Sehe ich die Abwesenheit meiner Libido und sexuellen Anziehung als nicht lebenseinschneidend ein, brauche ich auch keine Therapie.

Einen aktuellen Artikel zu dem Thema bietet die Süddeutsche Zeitung, welche auch gleich volle Lotte auf die Klischee-Trommel setzt. Allerdings schaffte es auch diese Journalistin, durch die gute Erklärung eines Sexualforschers die Kurve zu bekommen und auch zu erwähnen, dass Irina nicht nur asexuell, sondern auch aromantisch ist. Beim Lesen der ersten Abschnitte wird uns jedoch das Gefühl gegeben, küssen sei für alle Asexuellen ekelig und romantische Gefühle seien uns auch fremd. Und hier sind wir bei einem ganz großen Problem der medialen Berichterstattung über Asexualität angekommen: Die Verwechslung bzw. das „Über-einen-Kamm-scheren“ von Asexualiät und Aromantik.** Es gibt selbstverständlich einige aromantische Asexuelle und über diese sollte auch berichtet werden. Wichtig ist dabei jedoch, dass die romantische und die sexuelle Orientierung getrennt betrachtet werden. Genau wie in dem oben erwähnten Artikel wird auch in diesem das Beispiel einer jungen Frau gegeben, die Küssen ganz schrecklich findet. Dies ist ja auch legitim, aber es ist nicht uneingeschränkt repräsentativ. Ich frage mich zudem, nach welchen Kriterien Asexuelle für solche Artikel ausgewählt werden. Mir scheint es, als ob die Medien teilweise ganz gezielt nach aromantischen bzw. sapioromantischen (wie im Falle Sarah Wengers) suchen, weil diese eher den Vorstellungen der Masse von einer aseuxellen Person entsprechen.* Ein weiterer Klassiker in der verzerrten Darstellung von Asexualität ist die Betonung, dass es sich bei dieser asexuellen Person, um ein „hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren [handelt], das gerne reitet, Filme guckt und nachts mit Freunden um die Häuser zieht“. Nach diesem Schema müsste bei Nymphomanen_innen teilweise die Information stehen „er_sie ist zwar hässlich, aber…“ oder es müsste „hässlichen“ Menschen generell ein Sexleben abgesprochen werden. Bei einer solchen medialen Präsentation von Asexualität verwundern mich gewisse Reaktionen überhaupt nicht. Aber auch diesem Artikel können ein paar positive Punkte abgerungen werden. So wird auch hier an dem Beispiel deutlich, dass es eben NICHT so „einfach“ ist, eine romantische Beziehung mit einer nicht-asexuellen Person einzugehen. Zudem wird auch hier eine allgemeine Erklärung der Asexualität gegeben, bei der die verschiedenen Nuancen erwähnt werden. Einen Punkt finde ich in diesem Artikel besonders interessant: Die Erwähnung des „Erwartungsdrucks“ von Seiten der Familie, die auf Nachwuchs hofft. Dies trifft nicht jeden Asexuellen, kann jedoch durchaus eine belastende Rolle bei Einigen spielen.

Ich wusel mich dann in den kommenden Tagen mal durch weitere Artikel über Asexualität, um diese dann im nächsten Teil zu präsentieren. Wenn ihr Anregungen oder Ergänzungen für mich habt oder Fehler in meinen Einschätzungen entdeckt, sagt mir Bescheid!

* Asexuelle Charaktere aus der Film- und Fernsehwelt sind nahezu alle aromantisch (z.B. Sheldon Cooper)  oder sapioromantisch (z.B. Sherlock Holmes)

** Wobei hier in diesem Artikel, wie bereits vorher erwähnt, letztendlich hinzugefügt wird, dass die dargestellte Person nicht nur asexuell, sondern auch aromantisch ist. Allerdings wird dies nur am Rande erwähnt.

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Über tschellufjek

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8 Antworten zu Asexualität in den deutschen Medien – Teil 1

  1. Guter Artikel mal wieder. 🙂
    Ich erinnere mich noch, dass ich mal vor längerer Zeit im AVEN-Forum schrieb, dass ich ein Problem mit Artikeln im Stil „asexuelle Person erzählt ihr Leben“ habe, dass ich die Gefahr sehe, die Leser_innen könnten von dieser einen auf alle asexuellen Personen schließen.
    C’est pas si facile tout ça…. Die wichtigsten Informationen auf möglichst wenig Raum unterzubringen ist es ja im Grunde auch, was wir seit Jahren mit den Flyern versuchen und dann fällt einem doch immer wieder etwas ein, das fehlt, oder eine Gruppe, die nicht ausreichend berücksichtigt wurde.
    Und dann steht auch immernoch das Problem des „unassailable asexual“ im Raum – wenn Menschen mit gesundheitlichen und sonstigen Problemen, unattraktiv aussehende Menschen etc. portraitiert werden, heißt es schnell „Aaaah, sier ist doch nur DESWEGEN asexuell“, wenn es hübsche, gesunde, fröhliche Menschen sind, wird darüber hinweggegangen, dass es eben auch asexuelle Menschen MIT irgendwelchen Problemen gibt (ebenso wie nicht-asexuelle Menschen mit irgendwelchen Problemen). Da die Balance zu finden, ist gar nicht so leicht (ich denke auch an deinen vorherigen Artikel, mit den Links zu den Videos – ich kenne übrigens sowohl den portraitierten Mittvierziger als auch den Filmer persönlich und denke nicht, dass A. F. in die Pfanne hauen wollte).

    • tschellufjek schreibt:

      Danke dir! 🙂
      Ja, das Ganze ist keine leichte Angelegenheit. Das merke ich vor allem beim Verfassen von Artikeln über das Thema. Da stellen sich mir immer Fragen wie „Kann ich das so und so ausdrücken?“ oder „Schließt meine Erklärung auch so viele wie möglich ein?“. Letztendlich gehe ich immer auf Nummer sicher, indem ich hinzufüge, dass es noch die oder die Ausnahme gibt.
      Beispiele einzelner asexueller Personen sind auf der einen Seite riskant, auf der anderen Seite aber auch notwendig, um der Außenwelt zu zeigen: Uns gibt es wirklich! Andererseits werden nahezu immer Extrema dargestellt. Entweder es wird die hübsche, erfolgreiche und vollkommen glückliche Profi-Tänzerin gezeigt oder ein sich nach einer Beziehung sehnender, politisch engagierter Star Trek Fan. Das heißt, entweder es wird auf die Masche „asexuell, aber rundum glücklich“ oder auf die Masche „asexuell und einsam“ gesetzt (wobei ich hier wirklich keinem_r Journalist_en_in unterstellen möchte, dies mit böser Absicht zu machen).
      Beides ist korrekt, wird aber schnell zu plakativ. Verstehst du, was ich meine? Es ist ein wenig schwierig auszudrücken… Ich würde beispielsweise nicht gerne als Beispiel dienen, da meine Hobbies und Aktivitäten für mein Alter schon ziemlich verrückt sind und mich schnell in die Sheldon-Cooper-Ecke verfrachten. Dies erzeugt dann bei manchen die Vorstellung, dass wir so ziemlich abgespacet sind und eher auf Karriere/Tagträume fixiert sind als auf Romantik – was ja auch durchaus so ist bzw. sein kann! Ich habe bisher in den deutschen Medien noch keine Reportage oder Berichterstattung über eine asexuelle Person gesehen/gelesen, die glücklich vergeben war (egal ob ihr_e Partner_in asexuell oder sexuell ist). Uns wird also indirekt vermittelt, dass wir unglaublich geringe Chancen haben, da draußen einen_eine Partner_in zu finden, und der nicht-asexuellen Bevölkerung wird mehr oder weniger suggeriert: Vorsicht, riskantes Terrain! Für den Anfang wäre es, meiner Meinung nach, erst einmal wichtig, dem Großteil dieser Gesellschaft „die Angst zu nehmen“. Dies bedeutet, dass beispielsweise auch erwähnt werden soll, dass es durchaus funktionierende Partnerschaften zwischen sexuellen und asexuellen Leuten gibt und dass eine Kompromissfindung möglich ist. Wir leben leider in einer Gesellschaft, in der dem Sex ein solch großer Stellenwert eingeräumt wird, dass dieser häufig als Liebesbeweis angesehen und die Ablehnung von Sex als persönliche Beleidung verstanden wird. Immer alles aufzuzählen, was viele von uns partout nicht wollen, verunsichert die Allgemeinheit und hat zur Folge, dass ein Coming-Out bei einem Date schon mal als absoluter Beziehungskiller enden kann…
      Leider ist es manchmal notwendig, die Wahrheit dosiert zu servieren, um sich peu à peu Gehör und Respekt zu verschaffen… C’est la vie 😦

      • „Beispiele einzelner asexueller Personen sind auf der einen Seite riskant, auf der anderen Seite aber auch notwendig, um der Außenwelt zu zeigen: Uns gibt es wirklich!“
        Da hast du natürlich Recht und ich denke, das ist auch der Grund, warum Journalist_inn_en die Sache meistens so aufziehen; wenn eine konkrete Person gezeigt wird, wird das Ganze – nun, konkreter, leichter vorstellbar. Deswegen möchten die ja auch immer gern Fotos haben, wenn das für die interviewte Person OK ist, so wird alles noch greifbarer.
        Immer oder oft Extrema? Kann sein, muss ich in nächster Zeit mal drauf achten.
        Was ich gestern Abend noch schreiben wollte und dann vergessen habe: Du hast dich gefragt, nach welchen Kriterien Interviewpartner_innen ausgewählt werden. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass oft ganz einfach die Personen interviewt werden, die einverstanden sind, ein Interview zu geben und sich auf entsprechende Anfragen melden bzw. diejenigen, bei denen der Wohnort passt. Für den Spiegel-Artikel, den du als erstes zitierst, war ich sozusagen in der engeren Wahl, es wurde dann aber „Sarah“, weil sie in einer Stadt wohnte, die für die Interviewerin besser/schneller zu erreichen war als meine.
        Zum Thema „Reportagen über Asexuelle in glücklichen Beziehungen“: Da wird es nochmal schwieriger, weil gleich zwei Menschen einverstanden damit sein müssen, in einer Zeitung, im Fernsehen oder sonstwo zu erscheinen. Ich habe es schon erlebt, dass im deutschen oder französischen Forum gezielt nach einem Paar gesucht wurde (das am besten noch da und da wohnen sollte) und sich dann niemand meldete. In Frankreich gibt es aber momentan ein asexuelles Paar, das sich schon öfter und auch gerade kürzlich wieder gezeigt hat: http://img853.imageshack.us/img853/7518/zjbl.jpg und http://img829.imageshack.us/img829/3146/8olcg.jpg

        • tschellufjek schreibt:

          Das klingt plausibel. Habe gestern auch noch mal darüber nachgedacht, wie ich als Journalistin das Ganze aufziehen würde und bin dabei echt an meine Grenzen gestossen. Ich frage mich, ob es besser sein würde, wenn beispielsweise 4 kleine Beispiele zugleich gegeben würden, 1 Beispiel für jeden Typ von Asexualität. Das würde den_die Leser_in wahrscheinlich aber auch überfordern…
          Dass sich häufig niemand auf diese Anfragen meldet kann ich nachvollziehen. Ich wurde ein paar Mal hier in der Bretagne bezüglich meines Praktikums interviewt und war jedes Mal unzufrieden mit dem Ergebnis. Es ist nun mal nicht wirklich leicht, alle Details in einem kurzen Artikel zu respektieren.

          Danke für die Artikel!

  2. Carmilla DeWinter schreibt:

    Mehr als meine Vorrednerin habe ich nicht beizutragen. Sieht so aus, als wäre ein Linkspam nötig …

    • tschellufjek schreibt:

      Vielen Dank! Ich verfolge deinen Blog und den von Fiammetta nun schon seit einiger Zeit und fühle mich sehr geschmeichelt, dass ihr meine Artikel lest und kommentiert. Dass die „Torheit Herberge“ nun auf meine Posts verweist, ist wie Weihnachten und Geburtstag zugleich für mich 🙂

  3. Pingback: Linkspam | Der Torheit Herberge

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