Les Combustibles

Seit eines Uni-Vortrags über die belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb bin ich Feuer und Flamme für diese höchst eigenartige Autorin und ihren humorvollen nüchternen Schreibstil. Amélie Nothomb ist eine Person, die polemisiert, sowohl mit ihrer persönlichen Art als auch mit ihrem literarischen Werk, welches häufig autobiographische Züge* trägt und von einem Humor zeugt, der nicht „jedermanns Sache“ ist.  Kurz gesagt: Entweder du magst Amélie Nothomb oder du magst sie gar nicht. Ich gehöre jedenfalls zu den begeisterten Lesern Amélie Nothombs und war daher sehr glücklich als meine Chefin mir ihr Exemplar von „Les Combustibles“ schenkte. Dieses Theaterstück war das von der Autorin zur Publikation auserkorene Werk des Jahres 1994** und greift eine für alle Leseratten brisante Thematik auf: Die Verbrennung von Büchern.  Die Handlung spielt im Winter in der Wohnung eines Professoren an einem nicht genannten Ort.  Es herrscht Krieg, die Ressourcen sind äußerst knapp. Die Wohnung des Professoren ist zu Beginn des Stücks bereits kahl, da die meisten Möbel verbrannt worden sind, um zu heizen. Neben dem Professoren tauchen dessen Assistent Daniel und seine Geliebte Marina auf. Daniel wohnt mit dem Professor zusammen, weshalb Marina ebenfalls häufig in der Wohnung anwesend ist. Als fast alle Möbel verbrannt sind, ist sie diejenige, die den Vorschlag macht, die Bücher des Professoren zu verbrennen. Dieser zunächst schockierende und vehement abgelehnte Vorschlag wird im Zuge der Not jedoch wahrgenommen und ein Buch nach dem anderen landet im Ofen. Amélie Nothomb zeigt in diesem Stück gekonnt, was die Not mit uns Menschen machen kann und wie schnell Moralvorstellungen im Kampf ums Überleben über Bord geworfen werden. Ich belasse es hier mal bei diesem kleinen  Einblick in die Geschichte, da ich euch die weitere Entdeckung dieses lesenswerten Theaterstückes überlassen möchte.

3 wesentliche Punkte, die mir von der Lektüre haften geblieben sind, stelle ich euch hier vor:

1. Kultur ist ein Luxusgut, welches von unermesslicher Bedeutung für unser Leben ist, solange dieses nicht existenziell bedroht ist. Anders gesagt: Leide ich an Hunger oder Kälte, habe ich nicht die Zeit und auch nicht die Kraft, um an intellektuelle Befriedigung zu denken. (Logisch) Andererseits formen die Bücher, die wir im Laufe unseres Lebens gelesen haben, einen wichtigen Teil von uns und, einmal die Grundversorgung wieder hergestellt, werden die verbrannten Bücher ein desaströses Loch in unserem Leben hinterlassen.

2. In Zeiten der Not werden wir zu Barbaren, die nur auf ihr eigenes Wohlergehen fixiert sind und, aufgrund fehlender Hoffnung, alles zu tun bereit sind, was – zumindest für einen Moment – unser Leiden lindert.

3. Das Buch, an das wir uns am meisten festhalten (würden), ist nicht unbedingt das, was wir in der Öffentlichkeit preisen. Ich nenne diese Paradoxie (habe mich hierbei selbst ertappt gefühlt ) das „Rosamunde-Pilcher-Syndrom“, benannt nach der Lieblingsausrede meiner Oma für ihre Verbundenheit mit dieser Serie: „Ich schaue diese Serie wegen der schönen Landschaftsaufnahmen“. Es ist wahr, dass wir häufig davor zurückschrecken, die Vorliebe für gewisse Bücher (oder andere Kulturgüter) zuzugeben, aus Angst, man könne uns für dümmlich, kitschig oder frivol halten. Obwohl ich mich frage, ob diese Hypothese in einer Zeit, in der so viele Diskussionen über „Feuchtgebiete“ oder „Shades of Grey“ stattfinden, überhaupt noch für viele Leute gilt.

„Les Combustibles“ ist ein kurzatmiges (nur ca. 80 Seiten) Vergnügen, welches sich super liest und uns viele kleine Weisheiten lehrt. Wie alle Romane/Novellen/Theaterstücke dieser ulkigen Autorin*** schafft es auch dieser literarische Schmankerl gewisse Lebenswahrheiten schlicht und einfach widerzugeben und den_die Leser_in dabei zum Nachdenken zu animieren. Absolut empfehlenswert!

*Ich bin der Meinung, dass jedes künstlerische/literarische Werk autobiographische Züge enthält. Es ist nur eine Frage der Sichtbarkeit. Bei Amélie Nothomb sind die autobiographischen Züge deutlich sichtbar. So heißt die Ich-Erzählerin meistens „Amélie“ und wer die Lebensgeschichte der Autorin ein wenig kennt, merkt schnell die Parallelen zwischen ihrem Leben und dem ihrer Ich-Erzählerin.

** Nothomb schreibt, nach eigenen Aussagen, jedes Jahr ca. 3-4 Bücher, wovon sie jedoch stets nur eins publiziert. Seit 1992 hält sie sich starr an diesen „Plan“.

*** Nach eigenen Angaben steht Amélie Nothomb jeden Morgen um 4 Uhr auf, um einen furchtbar ekelhaften schwarzen Tee zu trinken, der sie für die nächsten 4 Stunden wach hält, damit sie ihr tägliches Schreibpensum von 4 Stunden wahrnehmen kann. Der Rest ihres Tages ist dann der Lektüre gewidmet.

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Über tschellufjek

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5 Antworten zu Les Combustibles

  1. Amélie Nothomb finde ich auch nicht schlecht, habe aber noch nicht sehr viel von ihr gelesen. Zuletzt hatte ich „stupeur et tremblements“ hier, j’ai apprécié surtout le langage, les jeux de mots.
    Punkt 2 aus deinem Text klingt auch im Werk von Irène Némirovsky immer wieder an, die mich zur Zeit sehr fasziniert und beschäftigt (und der ich schon zwei eigene Blogeinträge gewidmet habe).
    Ich würde mich freuen, in Zukunft noch mehr von dir zum Thema Literatur zu lesen.:)
    P.S.: Lustig, dass du u.a. auf Cafebabel verlinkst, da bin ich seit Jahren als Übersetzerin dabei. Du etwa auch?

    • tschellufjek schreibt:

      „Stupeur et tremblements“ war mein Einstiegswerk von ihr sozusagen 🙂 Mein bisher absoluter Lieblingsroman von ihr. Kann dir aber auch „Le sabotage amoureux“ von ihr empfehlen. Dort arbeitet sie ihre Erlebnisse als Diplomatenkind in China auf.

      Irène Némirovsky muss ich noch in Angriff nehmen. Habe schon zweimal versucht, einen Kommentar bei deinem Post zu hinterlassen, aber mir wurde immer angezeigt, dass ich in den Spam-Ordner gelandet bin 🙂 Die Themen, die sie literarisch aufgreift, halte ich für höchst interessant. Ich mag allgemein gerne Literatur über soziale, politische und psychologische Themen. „Le maître des âmes“ liegt noch geduldig in meinem Bücherschrank.

      Ich habe mich letztens bei Cafebabel angemeldet, kam jedoch noch nicht dazu, einen Text zu übersetzen. Da ich in meinem Studium relativ wenig Übersetzung habe, fällt mir dies eh noch ein wenig schwer, sodass ich dies nicht einfach so nebenher machen kann (und möchte). Bin allerdings schon seit einiger Zeit eine begeisterte Leserin dieser Seite!

      • Du hast versucht, bei mir zu kommentieren und es ging nicht? Das ist schlecht und ich kann mir nicht vorstellen, was da schiefläuft, da bereits Leute bei mir kommentiert haben. Kannst du mir sagen, was für eine Meldung du da bekommst? Dann werde ich versuchen, dem abzuhelfen.
        Le maître des âmes habe ich auch schon gelesen, ist ziemlich klasse :).

  2. P.S: Ich habe mal in meinen Spam-Ordner geschaut und da nicht nur deine unter den Tisch gefallenen Kommentare gefunden. Wusste nicht, was sich hinter „Spam Karma“ verbirgt und bekomme nie eine Nachricht, wenn ein Kommentar dort landet. Terriblement désolée, wirst sofort freigeschaltet…

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