„Am Strand“ von Ian McEwan

Diese Novelle des englischen Bestseller-Autoren Ian McEwan könnte man gut in einen Kanon asexueller Literatur einreihen. Weder in der Geschichte noch in den Kritiken taucht das Wort „Asexualität“ zwar auf, jedoch kann man in der Protagonistin, Florence, die inneren Zwistigkeiten einer asexuellen Person, die entgegen ihres Willens mit einer sexuellen Handlung konfrontiert wird, wiederfinden.

Die Novelle behandelt die Hochzeitsnacht eines jungen englischen Paares in den 1960er Jahren, in einer Zeit, in der das Thema „Sexualität“ ein Tabu darstellte und es an sexueller Aufklärung mangelte. Auf den insgesamt 207 Seiten gibt uns der Erzähler einen Einblick in die Innenwelt der beiden frischvermählten Eheleute, die versucht sind, ihre Ehe traditionell durch Geschlechtsverkehr zu besiegeln. Während Edward  nervös ist und von Versagensängsten geplagt wird, ist Florence völlig eingeschüchtert und versucht, ihre Panik vor ihrem frisch angetrauten Ehemann zu verbergen. Im Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass Florence allgemein vom Sex abgeneigt ist und nicht weiß , wie sie dies Edward kommunizieren soll. Sie hat Angst vor seiner Reaktion und versucht ihre Abneigung und ihren aufkommenden Ekel zu überwinden, was sie auch beinahe schafft. Als Edward jedoch schon vor Aufregung vor der Penetration ejakuliert, flüchtet sich Florence an den Strand.

Anstatt mit ihr zu sprechen, zieht sich Edward zurück, schwer gedemütigt von Florences Flucht.

In der Folge geht das Paar getrennte Wege. Edward, so erfährt der  Leser in einer Prolepse, heiratet in der Folge erneut und wird glücklicher Familienvater, gesteht sich jedoch ein, nie jemanden so geliebt zu haben wie Florence. Er bereut im Nachhinein seine Inaktion. Florence wird eine erfolgreiche Violinistin, die jedoch kein Glück in der Liebe findet.

Ich weiß nicht, wie Ian McEwan dieses Ende verstanden wissen wollte, aber auf mich hatte dieser Abschluss eine ziemlich desillusionierende Wirkung. Kann eine Liebesbeziehung ohne Sex nicht funktionieren? Warum wiegt das Sexuelle in dieser Beziehung stärker als die Liebe?

Florence wird am Ende dazu verdammt, ihre Erfolge ganz alleine zu feiern, was indirekt mit ihrer Ablehnung sexueller Inimität begründet wird.

Trotz dieses Endes kann ich dieses Buch für jeden weiterempfehlen, der entweder selbst asexuell ist und/oder mehr über die Gefühlswelt einer asexuellen Person erfahren möchte.

 

Warum die Zeit diese Novelle als einen Sexroman abstempelt, ist mir nicht nur aufgrund der falschen Kategorisierung dieser Form von Epik schleierhaft.  Es geht in dieser Novelle vielmehr um Erwartungen, Ängste und Sorgen, die mit dem ersten sexuellen Kontakt verbunden sind. Zwar gibt uns der Erzähler auch genaue Beschreibungen der einzelnen Handlungen, der Fokus liegt jedoch auf den Reflexionen der beiden Protagonisten, deren Gedanken dem Leser helfen, ihre jeweiligen Handlungen besser nachvollziehen zu können. Selbst als Asexuelle hatte ich Mitleid mit Edward, der in der Flucht von Florence ein persönliches Versagen sieht und zu stolz ist, um mit ihr über seine Sichtweise zu sprechen. Die Tatsache, dass er sich am Ende eingesteht, niemals jemanden so geliebt zu haben wie Florence und sein Handeln bereut, zeigt, dass diese Nacht letztendlich zwei Opfer hervorgebracht hat.

 

 

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